Berlin-Westend - Die Lage ist weiterhin prekär. Neun Spiele wartet Hertha BSC bereits auf einen Sieg und steht damit vor dem Heimspiel gegen den FC Augsburg (Sonnabend, 15.30 Uhr, Sky) enorm unter Druck. Gelingt Cheftrainer Pal Dardai nach dem schweren Auftaktprogramm seiner zweiten Amtszeit auch im sechsten Spiel nicht der erste Sieg, dürfte die trotz der mageren Punkteausbeute gelebte Aufbruchstimmung in Westend schon wieder dahin sein. Sorgen hat Hertha BSC auf jeden Fall genug: Sei es die angespannte Personallage, die angeknackste Psyche oder die andauernde Torflaute.

Für frischen Wind könnte Fredi Bobic sorgen. Die blau-weißen Schlagzeilen vor dem Duell gegen die Fuggerstädter bestimmt Eintracht Frankfurts Sportvorstand auf jeden Fall bereits. Denn die Anzeichen, dass der ehemalige Nationalstürmer nach seiner aktiven Karriere von 2003 bis 2005 ein zweites Mal für die Berliner arbeiten wird und im Sommer auf den im Januar entlassenen Manager Michael Preetz folgt, verdichten sich.

Schlammschlacht droht

Bobic gilt als Wunschkandidat von Carsten Schmidt, seit Dezember Herthas neuer Vorsitzender der Geschäftsführung. Vielleicht auch, weil Schmidt bereits wusste, dass Bobic seine Arbeit am Main als beendet ansieht. „Ich brauche gar nicht groß rumeiern. Man war vorbereitet darauf, dass die Situation kommt, dass ich im Sommer 2021 den Verein verlassen werde“, sagte Bobic jedenfalls der ARD. Der 49-Jährige wehrt sich gegen Kritik, er habe die Eintracht mit seiner Entscheidung trotz seines bis 2023 gültigen Vertrags vor den Kopf gestoßen. Vielmehr habe er schon 2020 gehen wollen und stets mit offenen Karten gespielt. Wegen der Corona-Saison sei er gebeten worden weiterzumachen, wofür er sich aus moralischen Gründen entschied. „Ich habe gesagt, ich ziehe noch ein Jahr durch – und jeder wusste eigentlich Bescheid. Ich habe alles reingehauen und mein Versprechen gehalten“, bekräftigte Bobic.

Das sehen sie bei der enttäuschten Eintracht allerdings anders. Bobic sei erst vor drei Wochen beim Aufsichtsratsvorsitzenden Philip Holzer vorstellig geworden und habe ihn über „seine Überlegungen bezüglich einer Auflösung seines bis zum 30. Juni 2023 laufenden Vertrags informiert“, so Holzer.  Gespräche „über einen Verbleib oder einen vorzeitigen Wechsel“ Bobics seien gegenwärtig noch nicht abgeschlossen und sollen bei der nächsten Aufsichtsratssitzung am 10. März fortgesetzt werden.

Damit droht Bobics Abschied trotz seines sehr erfolgreichen Wirkens in der Zeit von 2016 bis 2020, in der er als Kaderplaner die SGE von einem Fast-Absteiger zum Pokalsieger formte und in der Europa League mit begeistertem Offensivfußball bis ins Halbfinale führte, zu einer Schlammschlacht zu werden. Von einem Gentlemans Agreement über eine vorzeitige Vertragsauflösung will man am Main jedenfalls nichts wissen. Vielmehr pochen die Verantwortlichen darauf, Bobic nicht ohne Ablöse ziehen zu lassen. Verärgert hat Bobic nicht nur die andere Darstellung der Dinge. Zu den Gerüchten um Hertha BSC will er sich nicht äußern. „Leider kommen immer wieder zu viele Indiskretionen an die Öffentlichkeit“, sagte er.

Bobic der Messias?

Ein Schicksal der Branche, mit dem man sich auch bei Hertha BSC zu Genüge auskennt. Zuletzt ereilte Ex-Trainer Bruno Labbadia die Information seiner Entlassung aus den Medien. Schmidt entschuldigte sich und kündigte an, solche Löcher im Klub schnellstmöglich stopfen zu wollen. Bisher mit überschaubarem Erfolg. In Frankfurt sind sie jedenfalls davon überzeugt, dass die Infos aus Berlin gestreut wurden. Nicht zuletzt, weil Schmidts ehemaliger Arbeitgeber, der TV-Sender Sky, die Meldung am Montag exklusiv auf den Markt brachte.

Länger bekannt ist dagegen, dass Bobic sich als ein Projektmanager sieht – und mit einem Engagement in der Hauptstadt liebäugelt. Dass seine Familie seit Jahren in Berlin lebt, spielt zwar auch eine Rolle. Noch mehr dürfte ihn aber die rosige Perspektive trotz der weiterhin bedrohlichen Gegenwart reizen. Hertha lechzt nach Erfolg und hat mit Investor Lars Windhorst, der bis zum Sommer insgesamt 374 Millionen Euro in den Klub pumpen wird, ein starkes, weil zahlungskräftiges Argument. Bobic würde als neuer Geschäftsführer Sport sämtliche Zügel in der Hand halten und probieren, den neuen, aber weiterhin schlafenden Riesen zu wecken. Die Fallhöhe scheint gering. Gelingt ihm ein ähnlicher Erfolg wie bei der Eintracht, dürfte Bobic als Messias gefeiert werden.

Während die Eintracht vor allem um ihre gute Saison und die Teilnahme an der Champions League bangt, könnte die Debatte um Bobic bei Hertha für einen Leistungsschub sorgen. Ab sofort geht es für die Profis nicht nur um die dringend benötigten Punkte, sondern auch darum, dem designierten Manager zu beweisen, dass sie Hertha auch in Zukunft weiterbringen.