BerlinBruno Labbadia hatte Gesprächsbedarf. Keine zwölf Stunden nach der schmerzhaften 2:5 (1:0) Niederlage gegen Borussia Dortmund bat der Cheftrainer von Hertha BSC seine Profis am Sonntagmorgen zum Gruppengespräch. „Es war eine lange Besprechung, in die wir die Spieler mit einbezogen haben“, berichtete der 54-Jährige. Dabei ging man vor allem der Frage nach, wie die völlig unterschiedlichen Hälften gegen den BVB zu erklären waren. 45 Minuten hatte seine Mannschaft das Spitzenteam in Schach gehalten, sich sogar eine 1:0-Pausenführung erspielt. Bis Hertha BSC in der zweiten Halbzeit komplett in seine Einzelteile zerlegt wurde. BVB-Stürmer Erling Haaland schoss vier Tore im Stile eines Weltklassestürmers, überrollte er die Berliner mit seiner norwegischen Naturgewalt quasi im Alleingang. 

Ein mentales Problem wollte Labbadia seinen Spielern aufgrund des Leistungsabfalls nicht attestieren. Vielmehr machte er – ohne Namen zu nennen - die Art und Weise Einzelner dafür verantwortlich, wie Hertha nach Wiederanpfiff agierte. Denn nachdem sein Team zunächst im Kollektiv konzentriert und aggressiv verteidigte, und so den ballverliebten Borussen kaum Räume zur Entfaltung bot und selbst durch einen sehenswerten Distanzschuss von Matheus Cunha in Führung gehen konnte (33.), war im zweiten Abschnitt genau das Gegenteil der Fall. „Wir haben den Finger in die Wunde gelegt“, erklärte Labbadia, der von einer Euphorie seiner Spieler in der Kabine zur Pause berichtete: „Wir können nicht akzeptieren, wenn manche meinen, es geht auch mit weniger Aufwand.“

Die Quittung für den Übermut

Die Quittung für den Übermut stellte der BVB, allen voran Haaland, den Berlinern in kürzester Zeit aus. „Wir hatten uns nach dem Ausgleich noch nicht geschüttelt, da fällt schon das 1:2“, fasste Labbadia die Dortmunder Wucht nach Wiederanpfiff zusammen. Besonders Haaland mischte die blau-weiße Abwehrreihe auf wie Obelix die Römer, was Labbadia als Ex-Torjäger imponierte. „Er hat seine Laufwege fast perfektioniert. Das war herausragend und eiskalt.“ Seinen lupenreinen Hattrick innerhalb von nur 15 Minuten (47./49./62.) münzte Haaland nach Raphael Guerreiros 4:1 (70.) und nur 45 Sekunden nach Cunhas Anschlusstreffer per Foulelfmeter (79.) sogar zu einem Viererpack um (80.).

Weil BVB-Trainer Lucien Favre mit seinem Ex-Verein Erbarmen hatte, nahm er Haaland danach vom Platz. Und sorgte mit der Einwechslung von Youssoufa Moukoko dennoch dafür, dass der Abend in die Geschichtsbücher einging. Der Deutsch-Kameruner, den Haaland, wohlgemerkt selbst erst 20 Jahre alt, „als größtes Sturmtalent der Welt“ bezeichnete, löste einen Tag nach seinem 16. Geburtstag Nouri Sahin als jüngsten Bundesligaprofi aller Zeiten ab.

Union hat die Nase vorne

Während sich Favre angesichts der rosigen Zukunft die Hände rieb, probierte Labbadia die von Maximilian Mittelstädt nach Abpfiff befeuerte Führungsspielerdiskussion („Wir brauchen einen Leader. Letzte Saison hatten wir mehr solche Spielertypen.“) zu beruhigen. „Es ist ein Prozess, in den die Spieler reinwachsen. Aber das darf keine Ausrede sein für die mangelnde Konsequenz, die wir in der zweiten Halbzeit gegen den Ball gezeigt haben.“ Gleichzeitig pochte der Trainer darauf, dass sein Team sich nicht ergeben hätte. Er habe keine hängenden Köpfe nach den Gegentoren gesehen. Weil aber eben nicht alle konsequent verteidigten wie im ersten Abschnitt, bringe sich Hertha wie so häufig in dieser Saison um den Lohn. „Wir leben davon, dass wir als Mannschaft funktionieren“, appellierte Labbadia. Weil das nach acht Spieltagen nur phasenweise der Fall war, stellte Labbadia fest: „Sieben Punkte sind zu wenig.“

Wie viel weitere in den nächsten Wochen hinzukommen, ist angesichts der schwankenden Leistungen offen und wird wohl auch vom Ausgang der Gruppentherapie abhängig sein an deren Ende es durchaus personelle Veränderungen geben könnte. Klar ist, dass die Aufgaben nicht unbedingt leichter werden. Nach der Partie bei Bayer Leverkusen steigt das Berliner Derby gegen den 1. FC Union. Bereits in der vergangenen Saison sicherte sich Hertha die Stadtmeisterschaft erst durch einen klaren Sieg im Rückspiel. In dieser Spielzeit stehen die Vorzeichen nach der 2:5-Niederlage nicht viel anders. Zumindest gehen die Herthaner in das Duell gegen die Köpenicker am 4. Dezember als Berliner Nummer zwei.