Berlin - Hertha BSC verliert bei Borussia Dortmund 0:1, weil Rune Jarstein, der Keeper der Blau-Weißen, einen Moment der Schwäche hat. Weil der 36-Jährige auf unerklärliche Weise einen Schuss von Julian Brandt passieren lässt und damit seine Teamkollegen um den Lohn der Arbeit bringt. Das klingt hart, ist vielleicht zu hart als Urteil. Aber der Fehler eines Schlussmanns wiegt halt manchmal so schwer, dass man nach einem Spiel zu keinem anderen Schluss kommen kann. Wie bitter für Jarstein, wie bitter für die Mannschaft, für Trainer Pal Dardai, denn die Elf des Hauptstadtklubs agierte leidenschaftlich, agierte konzentriert, wobei ein Punktgewinn doch eher glücklich gewesen wäre.  

Dardais spieltaktisches Ziel war es, wie der Ungar vor dem Spiel noch mal zu verstehen gegeben hatte, über die linke Seite Druck zu machen. Mit Marvin Plattenhardt, der für Santiago Ascacibar in die Startelf gerückt war, und mit Maxi Mittelstädt. Und dann galt es natürlich, irgendwie diesen Erling Haaland zu stoppen, der im Hinspiel, bei dieser krachenden 2:5-Heimniederlage der Hauptstädter vier Tore erzielt hatte.

Das mit dem Druck über links funktionierte von Beginn an aber nicht wirklich, weil Dortmund viel Druck über rechts machte. Vor allem in Gestalt von Marco Reus, der Marton Dardai immer wieder früh presste, den Trainer-Filius zum langen Schlag oder zum Rückpass zwang. Aber auch Plattenhardt lief mehr Fußball, als dass er Fußball spielte.

Haaland hadert mit seinen Mitspielern

Immerhin: Haaland trat weitgehend nur als unglücklicher Stoßstürmer in Erscheinung, also als einer, der sich immer wieder in Position bringt, aber nicht zum Abschluss kommt. Erst in der 22. Minute, nach einer Freistoßflanke von Reus, entwickelte er bei einem Kopfballversuch so etwas wie Torgefahr. Reus wiederum hatte wenige Minuten zuvor bei einem Freistoß aus  18 Metern nur die Oberkante der Latte getroffen.

Die Hertha-Profis waren also erst mal als Zerstörer gefragt, erledigten diesen Job ganz ordentlich. Und Mitte der ersten Hälfte war da bei nachlassendem Druck der Dortmunder auch bei den Blau-Weißen ein wenig mehr Mut im Spiel nach vorne zu beobachten. Vieles ging dabei von Deyovaisio Zeefuik aus, der in der 24. Minute beispielsweise scharf flach nach innen flankte, Krzysztof Piatek aber nicht wach genug war, um daraus mehr zu machen. 

Und Haaland? Der wurde immer unglücklicher, haderte mit seinen Mitspielern, was die Abwehr der Hertha mit Niklas Stark als zentralen Organisator als Erfolg verbuchen durfte. Letztlich erlaubte sich Dardais Defensive bis zur Halbzeitpause nur eine grobe Unachtsamkeit, nämlich in der 33. Minute, als Thorgen Hazard von der Torauslinie auf Jude Bellingham passte. Bellingham schoss direkt, aber Jarstein brachte irgendwie noch seine linke Hand an den Ball und lenkte diesen über die Querlatte. Eine Parade war das, die fraglos zu den bemerkenswertesten in dieser Spielzeit zählen dürfte.

Das könnte der Abend des Norwegers werden, dachte man in diesem Moment, denn Torhüter steigern sich durch solche Paraden - wenigstens für einen Abend - gern mal in einen Torhüterrausch, werden schier unbezwingbar für die gegnerischen Stürmer. Aber aus dem möglichen Helden Jarstein wurde in der 55. Minute von einem Moment auf den anderen der traurige Tropf Jarstein. 

Darida sieht nach Foul an Reus die Rote Karte

Über Haland und Reus kam der Ball jedenfalls bei einem Konter der Gastgeber schließlich zu Julian Brandt, der bis dahin nahezu unsichtbar geblieben war. Brandt machte einen kurzen Schlenker, legte sich den Ball zurecht, aus 30 Metern ungefähr, schoss scharf, aber nicht allzu platziert. Ein wenig flatterte der Ball, das schon, doch auf seltsamste Art und Weise versuchte Jarstein diesen Ball zu fangen, griff ins Leere - und brachte dem BVB die zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr verdiente Führung. 

Verwunderung auf der Bank der Hertha, Dardai blickte fassungslos Richtung Jarstein, Verwunderung bei den Mitspielern, die nicht so reicht wussten, was sie machen sollten. Trösten? Einfach weitermachen? Verwunderung bei Jarstein, der übrigens in der 77. Minute bei einem Kopfball von Emre Can noch einmal seine grundsätzlich vorhandene Klasse unter Beweis stellte.

Mit drei Wechseln versuchte Dardai Einfluss auf den Lauf der Dinge zu nehmen. In der 59. Minute brachte er Mathew Leckie und Dodi Lukebakio für Plattenhardt und Zeefuik, in der 68.  Minute auch noch Javairo Dilrosun für Jhon Cordoba. Doch so wirklich kam da nichts ins Rollen, das meiste blieb Stückwerk. Und nachdem Vladimir Darida nach einem sehr groben Foul an Reus auch noch die Rote Karte gesehen hatte, war da letztlich auch keine Hoffnung mehr auf einen von Erfolg gekrönten Schlussspurt. Das 2:0 durch Youssoufa Moukoko (90.) war schließlich auch dieser Hoffnungslosigkeit geschuldet.