Berlin-Westend - Pal Dardai war bemüht, Lockerheit zu versprühen. Am Tag nach der 0:3-Niederlage gegen RB Leipzig verwickelte der Cheftrainer von Hertha BSC kurzerhand Pressesprecher Max Jung in einen symbolischen Zweikampf, um den Berliner Journalisten in der virtuellen Medienrunde möglichst anschaulich zu erklären, worauf es im Fußball maßgeblich ankommt – und was seine Spieler gegen den Titelaspiranten aus Sachsen teilweise in den entscheidenden Momenten vermissen ließen. Trotz der immer bedrohlicheren Lage im Tabellenkeller bleibt der 44 Jahre alte Ungar allerdings bei seinem Credo: keine Panik. Entsprechend leicht habe er auch nach der dritten Niederlage im vierten Spiel unter seiner Leitung in den Schlaf gefunden. „Wenn ich nicht gut schlafe, stimmt wirklich etwas nicht“, erklärte Dardai.

Ob seine Spieler eine ähnlich ruhige Nacht erlebten, darf bezweifelt werden. Enttäuscht und ratlos wirkten die Berliner Profis angesichts des Spielverlaufs und dem achten nicht gewonnenen Spiel hintereinander. Denn trotz hohem Aufwand und guter Leistung gegen den Champions-League-Teilnehmer hatten sie sich mal wieder nicht belohnt. Zum einen sorgten dafür ein Sonntagsschuss von Leipzigs Marcel Sabitzer und zwei Aussetzer von Herthas Matteo Guendouzi. Andererseits war es die eigene Chancenverwertung, die die Berliner erneut mit leeren Händen ins Bett gehen ließ. Matheus Cunha, Krzysztof Piatek und Dodi Lukebakio hatten die Führung, den Ausgleich und später auch noch den Anschlusstreffer auf dem Fuß, vergaben die Großchancen teilweise aber leichtfertig. „Man kann gut verteidigen und Fußball spielen. Aber letztendlich muss man vorne die Tore machen. Das haben wir in den letzten Wochen nicht geschafft. Dann ist man auch nicht erfolgreich“, fasste Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt ernüchtert zusammen.

Rettung erst in der Relegation?

Dass es ohne eigene Tore nicht reichen wird, weiß auch Dardai. Mut macht ihm aber der spielerische Fortschritt. Seine Umstellungen greifen immer besser. Die neu formierte Abwehr, zuvor eine der Schießbuden der Liga, präsentierte sich gegen Leipzigs starke Offensive als Fünferkette und stabile Einheit. Dabei verdrängte Dardais zweitältester Sohn Marton Sechs-Millionen-Einkauf Omar Alderete. Bis auf einen kleinen Wackler in der Anfangsphase feierte der 19 Jahre junge Innenverteidiger an der Seite von Niklas Stark und Lukas Klünter ein gelungenes Startelfdebüt. Im Mittelfeld bewies Sami Khedira erstmals von Beginn und über 60 Minuten lang, wie er mit seiner Erfahrung und Qualität Hertha die nötige Stabilität verleihen kann.

Während man sich beim Weltmeister von 2014 angesichts seiner Verletzungshistorie lediglich um die nötige Physis im Abstiegskampf sorgen könnte, vermittelten Guendouzi und die mit vielen Millionen Euro aufgemotzte Offensivabteilung weiterhin die Leichtsinnigkeit, die bereits Dardais Vorgänger Bruno Labbadia erst zur Weißglut brachte und dann den Job kostete. Klünter scheint dagegen die Zeichen der Zeit angesichts des auf ein Pünktchen geschmolzenen Vorsprungs auf einen direkten Abstiegsplatz erkannt zu haben. „Wir müssen jedes Spiel so angehen, als wäre es das letzte“, forderte der Verteidiger.

Auch Dardai schwört das blau-weiße Umfeld auf ein Nervenspiel ein, die Mission Klassenerhalt könne angesichts des weiterhin schweren Programms – in den nächsten vier Spielen muss sich Hertha BSC mit Wolfsburg, Augsburg, Dortmund und Leverkusen messen – womöglich erst am letzten Spieltag, oder gar erst in der Relegation, geschafft werden. „Die Lage entscheidet sich zum Schluss, wenn du gegen die direkte Konkurrenz spielst“, erklärte er. Um nicht vor diesen Duellen bereits mit dem Rücken zur Wand zu stehen, muss Hertha dringend punkten. „Dieses Jahr ist eine große Prüfung für alle. Die Mannschaft war gegen Leipzig diszipliniert und taktisch gut. Das Quäntchen Glück hat gefehlt, das muss sich irgendwann drehen.“

Hoffnung auf Jhon Cordoba 

Dafür muss Dardai die stotternde Offensive (drei Tore in vergangenen acht Spielen) schleunigst in Schwung bringen. Hoffnung macht ihm die bevorstehende Rückkehr von Stürmer Jhon Cordoba, der unter ihm noch gar nicht mit dem Team trainieren konnte. Der bullige Kolumbianer, zuvor fünfmal in zwölf Einsätzen erfolgreich, hat seinen Muskelfaserriss auskuriert und könnte mit seiner Physis Herthas Angriffsspiel bereits beim Spiel in Wolfsburg bereichern. „Jhon ist ein anderer Stürmertyp als Krzysztof“, erklärte Dardai. „Er ist ein Stürmer, der den Ball halten kann. Mit ihm haben wir einen anderen Prototypen. Er kann Tore machen, ist kopfballstark und robust.“ Bleibt Hertha aber auch mit Cordoba harmlos, erwarten Dardai womöglich doch noch schlaflose Nächte.