Neuruppin - Am Dienstagabend begleitete er noch das Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen England als Experte in der ARD. Redegewandt, offen und ehrlich präsentierte sich Kevin-Prince Boateng dem Fernsehpublikum, nahm aber auch gleichzeitig Abschied von der TV-Bühne, um sich seit Mittwoch auf die sportlichen Aufgaben bei Hertha BSC zu kümmern. In den Farben seines Ausbildungsvereins fühlt sich der 34-jährige Mittelfeldspieler sichtbar pudelwohl und war am Freitag in seiner ersten Medienrunde im Trainingslager in Brandenburgs Fontane-Stadt Neuruppin in Plauderlaune. In der Runde sprach der gebürtige Berliner über …

… das Gefühl, zurück zu sein: Ich kann es noch gar nicht glauben, dass ich das, was ich mir so erträumt habe, leben darf. Ich brauche noch ein bisschen Zeit. Aber es ist jetzt schon wunderschön.

… seine ersten Eindrücke: Es ist eine junge Truppe, die Führung braucht. Das wusste ich vorher, aber darauf freue ich mich auch. Natürlich kann man sehen, wer schon begabt ist, wer stark ist, wer bereits über seinem Level spielt. Marton Dardai ist schon sehr, sehr stark. Das sieht man sofort und gerade ich, der Fußball kennt, hat das nach fünf Minuten erkannt.

… seine Rückkehr: Wir arbeiten seit knapp fünf Jahren daran. Ich habe jetzt gelesen, dass Pal mich schon vor vier Jahren wollte. Da hätte er mich einfach anrufen sollen (lacht). Vor eineinhalb Jahren war es konkreter. Da haben wir mit Michael Preetz geredet. Der war nicht so überzeugt. Was auch ok ist. Er hätte mich nur mal zurückrufen können. Dann kam Fredi, dann war es natürlich einfacher. Wir kennen uns sehr gut. Ich habe Fredi gesagt: Ich habe nur einen Traum, mir das Trikot noch einmal überzustreifen im Olympiastadion. Dann hat er gesagt: Dann werden wir alles dafür tun, diesen Traum wahrzumachen.

… Führung: Das kommt darauf an, welcher Charakter in der Mannschaft steckt. Die Jungs brauchen Hilfe. Sie hatten eine schwierige Saison. Am Ende habe sie es nach der Quarantäne überragend gemacht. Sie sind zurückgekommen, haben gefightet und Spiele gewonnen. Das war stark. Aber in die Situation wollen wir nicht noch mal kommen. Deswegen brauchen die Jungs vielleicht hier und da Hilfe. Vom Trainer, von mir, von einem erfahrenen Spieler, der weiß, in welcher Situation man was machen muss.

… seine körperliche Verfassung: Die Bundesliga ist noch athletischer geworden, die Jungs sind noch jünger geworden. Die können alle laufen ohne Ende. Zum Glück habe ich ein gutes Stellungsspiel (lacht). Nein, ich muss arbeiten und kann das einordnen. Ich bin hier nicht hergekommen und sage: Ich bin Prince Boateng, ich muss jedes Spiel spielen. Wenn ich das gemacht hätte, hätte ich irgendwo anders bleiben müssen.

… Einsatzzeiten: Es kann sein, dass ich alle Spiele mache. Es kann auch sein, dass ich nur vier mache. Da gebe ich mir nichts vor. Ich will fit werden, mich gut fühlen und dann helfen, wo ich kann.

... seine Karriere: Ich hatte nie Angst, irgendwas Neues zu machen. Gefühlt habe ich jeden sechsten Monat den Verein gewechselt. Es ist schön, Sprachen gelernt zu haben. Ich bin erwachsener geworden. Dieses Rumreisen, andere Länder kennenlernen, ist superschön, aber es schlaucht auch irgendwann.

… die Wohnungssuche: In den Wedding nicht. Ich will direkt was kaufen. Ich habe vor, ein bisschen länger zu bleiben. Es ist definitiv meine letzte Station.

… Hertha aus der Distanz: Positiv ist, dass sie sehr viel auf die Jugend bauen. Aber Hertha will in naher Zukunft Europa spielen, da brauchst du Erfahrung und Tiefe im Kader. Daran arbeiten alle. Immer gegen den Abstieg zu spielen, schlaucht. Wir werden alles dafür tun, dass es diese Saison viel besser läuft.

… die junge Generation: Die jungen Wilden, wie wir sie früher waren, gibt es heute nicht mehr. Und das ist auch gut so. Aber, ganz ehrlich: Solche Typen fehlen mir manchmal, die sind am Aussterben.

… den vereinslosen Franck Ribery (38): Ich habe mit ihm gestern telefoniert. Er sagte, ich solle mich warm anziehen, es käme noch eine Überraschung. Mal sehen, was er vorhat. Er ist topfit, hat in Italien gezeigt, dass er immer noch einer der Besten ist. Wenn Hertha ihn will, kann ich nur gut über ihn reden.

… Julian Draxler und Mario Götze: Draxler hat gerade in Paris verlängert und Götze fühlt sich wohl in Eindhoven. Wenn ich irgendwo helfen kann, mache ich das. Ich weiß aber nicht, was Fredi vorhat. Messi ist ja auch noch frei (lacht).

... seine Karriere nach der Karriere: Die TV-Expertenrolle hat mir gefallen. Das könnte ich mir vorstellen, ab und zu im Fernsehen zu sitzen und Deutschland zu zeigen, wie man einen Anzug trägt. Das ist nicht so schlecht.

... seinen Weggang vor 14 Jahren: Ich bin nicht nur weggegangen, ich wurde auch ein bisschen weggeschickt. Ich kann das verstehen, sie haben ja ein bisschen Geld bekommen. Im Rückblick hätte ich noch zwei oder drei Jahre in Berlin bleiben können oder sogar müssen. Aber ich hatte damals keine Angst, habe gesagt, ich schaffe alles allein und bin nach London gezogen.

… Hertha vor 14 Jahren und heute: Zecke (Co-Trainer Andreas Neuendorf) ist noch da (lacht). Das Trainingsgelände ist komplett anders. Alles ist wie ein Top-Klub aufgebaut, das war damals nicht so. Die Seele ist immer noch die gleiche. Das hat Hertha so stark gemacht, dass Pal, Arne und Zecke da sind, die noch die richtige Hertha kennen. Es ist sehr wichtig, dass du diese Hertha-DNA im Verein behältst. Das Wichtigste ist, dass du dich identifizierst. Du musst nicht sagen, es ist mein Lieblingsverein oder ich sterbe für den Verein, aber du musst die Fans respektieren.