Herthas Ostkurve feiert Oliver Christensen trotz seines Torwartfehlers

Weil dem Dänen der Ball durch die Finger rutscht, verliert Hertha BSC zwei Punkte. Was dann passiert, spricht für das neue Zusammengehörigkeitsgefühl des Klubs.

Oliver Christensen ist keiner, der sich versteckt. Deshalb feierten Herthas Fans den Torhüter.
Oliver Christensen ist keiner, der sich versteckt. Deshalb feierten Herthas Fans den Torhüter.imago/Michael Taeger

Was Oliver Christensen dachte, nachdem ihm am Sonntag der Ball nach einer Freiburger Freistoßflanke durch die Handschuhe gerutscht war, konnte man an seiner wütenden Geste und seinem Mund ablesen, der aufgerissen war. Seine Lippen formten ein englisches Wort, das mit F beginnt und in die Rubrik Vulgärsprache gehört. Freiburgs Ausgleich zum 2:2 durch Kevin Schade folgte seinem Patzer.

Herthas junger Torhüter war aus seinem Kasten geeilt, hochgesprungen, aber den Ball bekam er nicht zu fassen. „Das tut mir leid. Ich wollte rauskommen und den Ball fangen. Aber es ist besser, ich mach den Fehler so, anstatt nicht herauszukommen“, sagte der 23 Jahre alte Däne. „Ich bin noch jung, manchmal passieren Fehler. Ich muss lernen. Manchmal halte ich alles, manchmal gibt es einen Fehler. Als Torwart ist das dann schlimmer.“

Christensens erste Saison als Herthas Nummer eins

Noch schlimmer ist so ein Fauxpas für einen Kerl in seiner ersten Saison als Nummer eins, der mit so viel Ehrgeiz antritt und so viel Leidenschaft zeigt wie Christensen. Statt im Olympiastadion den ersten Heimsieg feiern zu können, verbuchte Hertha BSC am Sonntag gegen Freiburg das vierte Unentschieden hintereinander. „Wir wollten gerne die drei Punkte haben. Wir sind natürlich unzufrieden“, konstatierte Christensen. Seinen Fehler versteckte er nicht, so wenig wie sich selbst.

Und vielleicht erzählt das, was nach dem 2:2, das Herthas Trainer Sandro Schwarz nach der Partie als ärgerlich empfand, im Olympiastadion passierte, die wahre Geschichte über diesen von Windhorstkuckucksheim gebeutelten Klub und sein neues Zusammengehörigkeitsgefühl: Als die Mannschaft vor der Ostkurve stand, vor den Fans, wurde Christensen nach vorne gebeten. Als Stellvertreter für Herthas neue Leidenschaft, für Herthas neuen Mut – nicht als gekrümmtes Testimonial des Versagens, nicht als geknickter Protagonist der Unvollkommenheit. 

Christensen applaudierte den Menschen in Blau-Weiß. Sie applaudierten ihm und seinen Kollegen für den Einsatz. Der ist im Unterschied zur Vorsaison tatsächlich zu erkennen, und alle Freiburger Profis, die am Sonntag über den Tabellenvierzehnten sprachen, erwähnten mit einer Spur Ehrfurcht Berlins unheilvolles Umschaltspiel.  

Anders als am Tiefpunkt der Vorsaison ist von einer Kluft zwischen Mannschaft und Publikum derzeit nichts zu spüren. Das liegt vermutlich auch daran, dass Schwarz einen wie Christensen, dessen Aktionen hin und wieder einem Vabanquespiel gleichen, ermuntert, weiter mutig rauszumarschieren. „Das Problem ist nicht, dass er rausgeht – er hätte den Ball lieber wegfausten sollen“, sagte der Trainer am Sonntag. „Olli hat uns schon oft gerettet, also kein Vorwurf an ihn“, fügte Elfmeterschütze Dodi Lukebakio an.

Auch am späten Abend verkroch sich Christensen nicht gramvoll daheim in seinen Sofakissen. Stunden nach dem 2:2 postete der Torhüter in den sozialen Medien ein Foto, auf dem er in seinem grünen Trikot in die Fankurve winkt: „Noch einmal Danke für die Unterstützung“, schrieb er. „Eure Geste war erstaunlich! Ha ho he.“