Das Persönlichste, was Sandro Schwarz am Montag bei seiner öffentlichen Vorstellung als neuer Cheftrainer von Hertha BSC erzählte, war, dass er ein sehr ordnungsliebender Mensch sei. Dass er klare Abläufe liebe, eine gewisse Struktur. Von Cola-Dosen, die er nur paarweise und in gerader Linie im Kühlschrank anordnet, wie es etwa David Beckham tut, erzählte er nichts. Dennoch dürfte es für den 43-Jährigen einigermaßen beruhigend gewesen sein, auf Fotos und Filmchen des vereinseigenen Twitterkanals zu sehen, dass parallel zu seiner Vorstellung alles ordnungsgemäß verlief: Marvin Plattenhardt hüpfte auf dem linken Bein über ein aufgemaltes Viereck am Boden. Linus Gechter stieg mit einem Stab, den er waagerecht auf Schulterhöhe hielt, über ein Messgerät. Und Maximilian Mittelstädt schob mit seinem rechten Fuß die Skala eines weiteren Messgeräts in Dreiecksformation links und rechts nach hinten.

Sandro Schwarz führt privates Gespräch mit Kevin-Prince Boateng

Die drei Profis sind in Herthas Kader. Sie werden es auch über den Leistungstest und den Trainingsauftakt auf Rasen am Mittwoch hinaus bleiben, was ja bei einem großen Teil der weiteren Hertha-Spieler nicht der Fall ist. Wobei sich Schwarz für einen Verbleib von Kevin-Prince Boateng eingesetzt hat. Vor knapp zwei Wochen sei er nach Berlin gereist, sagte Schwarz, „weil es mir wichtig war, ein privates Gespräch zu führen“ – über Boatengs Rolle als Spieler. „Es war ein sehr, sehr gutes Gespräch, offen, klar von beiden Seiten aus. Ich finde, das ist eine gute Basis, um professionell zusammenzuarbeiten.“ Bobic verdeutlichte, dass es noch ein paar kleinere Punkte zu verhandeln gebe, „aber das geht alles in die positive Richtung“. Boateng wird also Herthaner bleiben. Er ist ein Typ, der teamintern für Struktur sorgen kann.

Halt und eine gewisse Kontinuität können beim Neuanfang nicht schaden, wo Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic doch sparen, bei Transfers mehr einnehmen als ausgeben muss. Von den zehn Leihspielern der Vorsaison ist bislang lediglich Arne Maier für eine Ablöse von fünf Millionen Euro in Augsburg untergekommen. Dazu ist Eduard Löwen derzeit zu Verhandlungen mit einem neuen Klub freigestellt. Um die 40 Millionen Euro sind die Leihspieler zusammen wert. Verkäufe oder erneute Leihen würden Herthas Personalkosten senken. Das ist laut Bobic nötig.

Stell dir also vor, du bist Trainer, und keiner weiß, wer im Team ist. Die Nationalspieler beginnen erst am 4. Juli. „Es wird Bewegung sein, es werden viele Gerüchte aufkommen, das ist manchmal unfair für Trainer“, weiß Bobic. Aber es werde sich im Kader bis zum Transferschluss am 31. August noch viel verändern: „Im Juli, aber auch noch im August, wo schon drei, vier Spiele gemacht sind.“ Momentan sei der Transfermarkt noch sehr träge. „Die Südländer schlafen noch. Gerade schlagen nur die Vereine zu, die viel Geld ausgeben können“, hat er beobachtet.

Schwarz, der Ordnung und Strukturen liebt, wird also bei Hertha erst mal mit einem „dynamischen Prozess“ umgehen müssen. So nennt es Bobic. Andere würden Peronalkarussell dazu sagen. Oder Lotterie. „Wir hoffen, dass die Spieler noch auf dem Markt sind, die wir gerne haben möchten und die wir uns auch leisten können, deren Wechsel wir aber noch nicht finalisieren können, weil wir erst noch auf die Abgabe anderer warten“, sagt Herthas Sportchef.

Der große Kader, zu dem bislang die Verteidiger Filip Uremovic von Rubin Kasan, Jonjoe Kenny vom FC Everton, Torhüter Tjark Ernst vom Vfl Bochum sowie Angreifer Derry Scherhant aus Herthas U23-Team stoßen, muss reduziert werden. „Es geht nicht um Wünsche, sondern darum, was realistisch machbar ist“, verdeutlicht Bobic.

Santiago Ascasibar hat Wechselwunsch schon in der Rückrunde hinterlegt

Das gilt auch für Santiago Ascasibar, der am Sonntag in Argentinien mit einem ausladenden Asado auf mehreren Grills üppig und durchaus fleischlastig den Vatertag feierte. Der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler äußerte vorige Woche in einem Interview, er wolle eine Luftveränderung. Sein älterer Bruder mache ihn damit verrückt, dass er bei Boca Juniors anheuern solle. „Ich warte ab, was passiert“, sagte Ascasibar zuletzt.

Geht er zurück nach Argentinien? Spielt er weiterhin in Europa? Erst mal wird er am Sonnabend in Berlin erwartet. „Bei Santi ist es so, dass er schon während der Rückrunde geäußert hat, dass er im Sommer wechseln möchte“, erläuterte Bobic. Bislang hat sich noch kein Klub für Ascasibar gefunden, der mit Hertha einen Vertrag bis 2024 hat und im Januar 2020 für elf Millionen Euro aus Stuttgart kam. „Er wird also erst mal hier andocken. Solange er Hertha-Spieler ist, wird er auch alles für die Hertha geben“, meint Bobic. Das gelte auch für Spieler wie etwa Stürmer Kris Piatek, Angreifer Dodi Lukebakio oder Abwehrspieler Omar Alderete, die nach Ausleihen zurückkehren: „Das sind Hertha-Spieler, und so werden wir sie auch behandeln.“ Bobic glaubt, er werde schon noch Geld einnehmen. Er habe da keine Bauchschmerzen. Schwarz bleibt nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen.