BerlinEs war ein fröhlicher Sommer 2014 in Deutschland. Die Nationalmannschaft holte sich den WM-Titel in Rio de Janeiro und wurde am Brandenburger Tor von den Fans gefeiert. Mats Hummels hatte sich nach einer durchzechten Nacht eine Sonnenbrille aufgesetzt. Seine goldene WM-Medaille, die um seinen Hals hing, glitzerte in der Sonne, als er auf der Bühne tanzte. Der damals zehnjährige Youssoufa Moukoko sah in der elterlichen Wohnung in Hamburg diese Bilder im Fernsehen.

Da war der Knirps gerade aus Kameruns Hauptstadt Yaoundé von seinen Großeltern zu seinen Eltern gezogen. Deutsch konnte er da noch nicht. Doch die Sprache der Jubelbilder begeisterten ihn. „Als Mats Hummels Weltmeister wurde, war ich noch so klein, heute trainiere ich mit ihm“, sagt Moukoko stolz. Dabei ist er auch jetzt noch sehr jung. Freitag feierte er seinen 16. Geburtstag, Sonnabend wird das Jahrhunderttalent bei der Partie von Borussia Dortmund gegen Hertha BSC (20.30 Uhr) wohl Bundesligageschichte als jüngster Spieler aller Zeiten, der im Oberhaus gespielt hat, schreiben.

Eine Ausnahmegenehmigung macht es möglich, denn eigentlich sieht der DFB ein Alter ab 17 Jahren vor. Moukoko ist das Phänomen, auf das alle gewartet haben. Er ist der Hauptakteur in einem modernen Märchen. In Kamerun hat er bis zum zehnten Lebensjahr nie in einem Verein gespielt. Er brachte sich vieles selbst in den Straßen von Yaoundè bei. Mit vier Jahren schaute er 2009 das Champions-League-Halbfinale zwischen dem FC Chelsea und dem FC Barcelona im Fernsehen. Seitdem arbeitet er an seinem Traum vom Profifußballer.

Die Fachwelt kommt aus dem Staunen nicht heraus

Der Umzug nach Deutschland machte diesen Karriereschritt erst möglich. Sein Vater meldet ihn in Hamburg im Oktober 2014 bei der D-Jugend des FC St. Pauli an. Dort schoss er Tore am Fließband, ein Jahr später durfte er als Elfjähriger bereits in der C-Jugend der Kiezkicker spielen. Ein Altersunterschied war wegen seiner erstaunlichen Dynamik und seiner Technik nicht zu sehen. 23 Tore in 13 Spielen standen am Ende auf seinem Konto. Borussia Dortmund war längst auf ihn aufmerksam geworden und lotste ihn im Sommer 2016 in den Ruhrpott. In der dortigen C-Jugend machte Moukoko 33 Tore. Eine Saison später schraubte er mit 13 Jahren in der B-Junioren-Bundesliga seine Torquote auf 40 hoch und überbot sie in der Spielzeit 2018/19 mit 46 Treffern noch mal. Ab Sommer 2019 spielte er mit 14 Jahren in der A-Jugend-Bundesliga und traf 34-mal.

Die Fachwelt kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wie kann so ein junger Knirps mit älteren Spielern mithalten? Die Frage wurde oft gestellt, einige zogen sogar sein Alter in Zweifel. Was aber blanker Unsinn ist. Moukoko selbst liefert die einfachste Erklärung: „Talent ist angeboren. Aber das reicht nicht. Nur wer etwas für seinen Körper tut, bekommt die Belohnung.“ Mit Extraschichten im Kraftraum baute er seine Muskeln auf, die er als 12-Jähriger noch nicht besaß.

Seit dem Sommer 2020 trainiert er bei den BVB-Profis. Auch da fiel sofort allen auf, dass der junge Mann zusätzlich Einheiten absolvierte. „Beim ersten Training hatte ich noch Schwierigkeiten, weil alles im Männerbereich schneller geht. Doch schon bei der zweiten Einheit konnte ich mithalten“, sagt Moukoko selbstbewusst. BVB-Chefcoach Lucien Favre, sonst eher als Zauderer bekannt, ist völlig begeistert: „Es macht Spaß, mit ihm zu trainieren. Er kann mit dem linken und rechten Fuß spielen. Und du weißt nie, mit welchem er gerade spielt.“

Sonnabend können es wohl alle sehen. Moukoko bleibt vor seinem wahrscheinlichen Wunder-Debüt aber bescheiden: „Ich freue mich, wenn ich spielen darf, aber es muss nicht so sein. Es kann auch später sein. Aber wenn es dazu kommen sollte, dann freue ich mich riesig.“