Berlin-Westend - Nicht wenige rieben sich verwundert die Augen, als Hertha BSC Sami Khedira nach Berlin lotste. Zweifel an dessen verletzungsanfälligen Körper und mangelnder Spielpraxis waren das eine. Für mehr Staunen sorgte die Tatsache, dass sich die Berliner auf der Position des 33-Jährigen verstärkten. Schließlich ist das Gedränge im massiv aufgemotzten, aber weiterhin erfolgslosen Kader der Blau-Weißen im defensiven Mittelfeld besonders groß.

Interims-Manager Arne Friedrich und Cheftrainer Pal Dardai nahmen das nun herrschende Überangebot allerdings bewusst in Kauf. Der Weltmeister von 2014 soll mit seiner Erfahrung helfen, die seit vergangenem Sommer nicht enden wollende Führungsspielerdebatte ad acta zu legen. Khedira soll sich bereits wertvoll einbringen, seinen Kollegen mit Rat zur Seite stehen. Nun hoffen sie bei Hertha, dass der Zugang von Juventus Turin auch alsbald Taten auf dem Platz folgen lässt. „Sami ist als Mensch, aber auch als Fußballer intelligent“, sagt Dardai. Soll heißen: Khedira muss nicht einhundertprozentig fit sein, um den Berlinern als Organisator und Anführer zu helfen.

Das Problem, dass Dardai dabei vor dem Spiel beim VfB Stuttgart (Sonnabend, 15.30Uhr, Sky) zu lösen hat, ist, dass Khediras Konkurrenten in den zwei Spielen, seitdem der Ungar das Amt von Bruno Labbadia übernahm, ihren Job gut machten. Neben Dauerbrenner Vladimir Darida blüht vor allem Santiago Ascacibar auf. „Santi ist ein laufstarker und disziplinierter Spieler. So wie wir aktuell auftreten, brauchen wir Balleroberer im Mittelfeld“, erklärt Dardai. Und auch Rekordeinkauf Lucas Tousart zeigt allmählich, was sie sich in Westend vom Franzosen versprochen haben. Dardai imponieren dabei folgende Eigenschaften: „Laufpensum, Zweikampfführung, Stabilität und Disziplin. Das macht er hervorragend.“

Khedira muss warten

Dardai ist voll des Lobes, weil das Trio das verkörpert, was er für Hertha BSC als Rettungsplan ausgetüftelt hat: Durch eine enge Staffelung und hohe Laufbereitschaft soll dem Gegner der Ball abgejagt werden, um sofort das eigene Spiel durch schnelles umschalten anzukurbeln. Weil das viel Kraft kostet, greift Dardai zu einer Lösung, die die Intensität und die Laune der Spieler hochhalten soll: Jobsharing.

Beim 1:3 in Frankfurt schöpfte er das in Pandemiezeiten aufgestockte Wechselkontingent voll aus, brachte fünf frische Spieler. „Sobald einer ausgepowert ist, kommt ein neuer von der Bank“, erklärt Dardai, der beim knappen 0:1 gegen den FC Bayern viermal wechselte. Arsenal-Leihgabe Matteo Guendouzi, zuvor gesetzt, kam dabei in der 56. Minute, nachdem Darida bereits mehr als acht Kilometer abgespult hatte. „Das war abgesprochen und hat funktioniert. Wir wollten weiter intensiv anlaufen. Matteo hat richtig Dampf gemacht“, erklärt Dardai. Auch, weil bei Tousarts Landsmann eine Portion Wut dabei war. „Er wollte unbedingt von Anfang an spielen und hat gesagt, dass er auch Bälle erobern kann. Das hat er dann gezeigt“, freut sich Dardai über die positive Nebenwirkung seiner verschriebenen Kurzarbeit.

Geht Dardais Taktik in Stuttgart wieder auf, könnten dringend benötigte Punkte am Neckar herausspringen. Mit einem Sieg würden die Berliner den spielstarken, zuletzt allerdings aus dem Tritt geratenen Aufsteiger, noch mit in den Abstiegskampf ziehen. Khedira wird dabei – zumindest auf dem Platz – vorerst eine Nebenrolle spielen, wobei er in seiner Heimat nicht nur wegen Dardais Jobsharing-Ansatz auf mehr Spielzeit hoffen darf als zuletzt bei seinem zehnminütigen Debüt. „Bei Sami sieht es immer besser aus. Er strahlt Ruhe aus, spielt kluge Pässe. Das hilft uns.“