Berlin-Westend - Die Faust von Herthas Trainer Pal Dardai und die von Sportdirektor Arne Friedrich klatschten kumpelhaft aneinander, als die beiden neuen Hauptprotagonisten des Krisenklubs die Pressekonferenz vor dem Heimspiel gegen die Bayern, welches am Freitag um 20 Uhr stattfindet, beendeten. Sie schauten sich dabei mit entschlossenem Blick, der eine komplette Übereinstimmung in ihren Gedanken signalisierte, an. Es war eine Momentaufnahme der beiden ehemaligen Hertha-Spieler, die aufschlüsselt, was sie von der Mannschaft in aller erster Linie verlangen – Teamgeist!

Friedrich, der smarte und immer eloquent auftretende Sportdirektor, hatte gerade über seine Zeit als Verteidiger und Spiele gegen die Bayern gesprochen. „Das sind die Partien, die dir am meisten Spaß machen als Abwehrspieler, wenn du gegen die besten Stürmer der Welt antrittst“, erklärte er und machte dann den sympathischen, ehrlichen Gedankensprung und führte fort: „Doch es gibt auch die schlechten Spiele von dir. Gegen Freiburgs Alexander Iaschwili sah ich nie so gut aus.“

Das war die Gelegenheit für Dardai eine verbale Freundschaftsgrätsche anzusetzen, die dann mit der Kumpelfaust mündete. „Wenn der Innenverteidiger nicht so einen guten Tag erwischt, hilft der Sechser aus“, erklärte der Trainer, der in seiner Spielerkarriere die Löcher in der Defensive stopfte und in vielen Partien so auch Friedrich half.

Das ist Dardais Verständnis von Teamwork, das Herthas Mannschaft bisher nicht gezeigt hat. Aufmerksamkeit für den Mitspieler, instinktive Reaktion, wenn der Neben- oder Vordermann Hilfe braucht. Das alles geht natürlich nur mit Erfahrung.

Sogar die „Tagesschau“ berichtet über Khedira

Hertha hat diese fehlende Routine nach den Sommerabgängen von Vedad Ibisevic, Per Skjelbred und Salomon Kalou seit vergangenen Montag so prominent besetzt, dass sogar die ARD-„Tagesschau“ darüber berichtete. Die Verpflichtung von Rio-Weltmeister Sami Khedira, der ablösefrei von Juventus Turin an die Spree wechselte. Die Bundesligarückkehr des 33-jährigen Mittelfeldspielers hallte sogar bis zum Branchenprimus nach München. „Ich freue mich, dass Sami wieder zurück ist. Er ist ein Kind der Bundesliga, ist hier groß geworden“, erklärte Bayerns Thomas Müller. Erfolge verbinden für das Leben. Der Bayern-Star und Khedira wurden 2014 gemeinsam Weltmeister. „Ich bin gespannt, wie es für ihn nach seiner Rückkehr laufen wird, hoffe aber natürlich, dass es am Freitagabend noch nicht so gut für ihn ausgeht“, schob Müller dann ganz schnell hinterher.

Von Italiens „Alter Dame“ Juventus Turin zur „Alten Dame“ an die Spree, die in dieser Saison mal wieder sehr gebrechlich erscheint. Khedira, der im Herbst seiner Karriere ist, reizt die Aufgabe, der Bundesliga noch mal seinen Stempel aufzudrücken und einem Traditionsverein aus der Not zu helfen. „Berlin ist die Hauptstadt und Hertha BSC ein Klub, der für mich definitiv weiter nach oben gehört. Ich habe große Lust, dabei mitzuhelfen“, sagt der Ex-Nationalspieler bei seinem Antrittsinterview auf der Vereins-Homepage. Das klingt natürlich etwas positiver, als das böse Wort Abstiegskampf in den Mund zu nehmen. Seine Rolle ist klar abgesteckt und er formuliert sie so: „Ich sehe mich in einer jungen Mannschaft als gestandener Spieler, der Stabilität reinbringen soll. Durch die ganzen Jahre, die ich im Fußballgeschäft verbracht habe, weiß ich, wie wichtig Führungsrollen sind. Ich sehe meine Position so: Qualität reinbringen, aber auch gleichzeitig die Mentalität und Halt für die jungen und die talentierten Spieler geben. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass ich meine Leistung zeige.“

Zweifler gibt es dafür genügend. Denn Khedira hat seit 14 Monaten nur 30 Minuten in einem Pflichtspiel bei Juve absolviert. Erst eine Knie-Operation und dann Adduktorenprobleme warfen ihn zurück. Er kann auf alle Fälle noch nicht einen 100-prozentigen Fitnesszustand haben. Doch so kurios es klingen mag. Das könnte gegen den Favoriten aus Bayern die größte Chance für Hertha sein. Khedira soll der Organisator des Spiels sein, der Ruhepol, der Bälle verteilt und den Rhythmus bestimmt. Da soll er dem Team helfen. Laufen müssen andere für ihn. Da müssen die Mitspieler ihm helfen. Sein Nebenmann Santiago Ascacibar wird es auf alle Fälle tun. Doch die weiteren acht Mitspieler sind genauso gefragt. So entsteht Teamspirit. Dardai und Friedrich wissen es ganz genau und wünschen sich nach dem Abpfiff ganz viele Kumpelfäuste.