BerlinManchmal kommt es vor, dass Herthas Trainer Bruno Labbadia seine persönliche Gefühlslage preisgibt. Vor der Pressekonferenz zum Derby gegen den 1. FC Union gab es diesen Moment. Er hatte ein Mitteilungsbedürfnis, welche Emotionen er vor dem prestigeträchtigen Stadtduell vor einer Geisterkulisse wegen der Pandemie in sich trägt. „Ich habe vor ein paar Tagen mit Michael Preetz gesprochen. Da habe ich festgestellt, dass es  schon etwas traurig ist. Ich bin Herthas erster Trainer, der keine Zuschauer im Olympiastadion hat. Als Trainer vermisse ich die Kulisse des vollen Stadions. Wenn man die Arena betritt, pusht das einen noch mal. Doch wir müssen alle die Situation akzeptieren und damit klarkommen“, erklärte der Coach.

Er drückt damit sein subjektives Gefühl aus, welches im selben Moment die kollektive Stimmungslage widerspiegelt. Das schafft Glaubwürdigkeit. So geht der 54-jährige Coach auch mit seinen Spielern um. Wahrscheinlich hat er auch gar keine andere Chance, bei dieser Hertha im Corona-Jahr 2020.

Labbadia hat von allen Bundesliga-Trainern den schwierigsten Job. Im April übernahm er als vierter Coach eine total verunsicherte Mannschaft und musste erst mal nur der Retter vor dem Abstieg sein. Trotz reduziertem Mannschaftstraining und Kontaktverbot mit den Spielern während des ersten Lockdowns gelang ihm das. Er spielte seine ganzen menschlichen Qualitäten und sein Fachwissen aus. Mit seiner freundlichen, offenen und umgänglichen, aber auch direkten Art gelang es ihm nicht nur, die Blau-Weißen in der Abschlusstabelle auf Platz zehn zu hieven, sondern auch vor den Lokalrivalen aus Köpenick. Dazu noch ein überzeugender 4:0-Derbysieg, der die Fans mehr als zufriedenstellte und Labbadia viel Kredit bei den Anhängern einbrachte.

Labbadias Geduld zahlt sich aus

Die erste Mission hat er erfüllt, die zweite ist jedoch kniffliger. Im Sommer musste er eine neue, junge Mannschaft für die Zukunft aufbauen. Die Ansprüche – besonders des Investors Lars Windhorst – sind hoch. Hertha hat unbefriedigende acht Punkte nach neun Spielen. Doch auch hier zahlt sich Labbadias Erfahrung aus. Er bleibt geduldig. Das hat er schon als Stürmer gelernt, wenn es mal nicht mit dem Torschießen klappte. Er hat es auch als Trainer verinnerlicht. „Wir verfolgen hier einen Weg, von dem wir überzeugt sind“, sagt der Coach. Er muss die jungen Spieler mit unterschiedlichen Qualitäten zu einem Team formen. Seine soziale Kompetenz hat er früh erlernt. Er wuchs mit acht Geschwistern im hessischen Dörfchen Schneppenhausen bei Darmstadt auf. Seine Eltern waren 1956 aus Italien nach Deutschland gekommen. Die Werte aus dem Elternhaus haben ihn geprägt. Mit Fleiß und Beharrlichkeit hat er sich als Stürmer 1992 in die Nationalmannschaft gespielt.

Auch als Trainer vermittelt er seine Tugenden und seine Liebe zum Offensivfußball. Das ist sein innerer Kompass. Leverkusen, HSV, Stuttgart, Wolfsburg waren seine Stationen in der Bundesliga vor Hertha BSC – einem Verein, der hoch hinaus will. Doch markige Sprüche liegen dem Fußballlehrer fern. Auch vor dem Derby bleibt er besonnen. „Wir sind immer noch in der Phase, wo wir Stabilität brauchen. Jedes Ergebnis bringt uns vom Selbstvertrauen her weiter“, sagt Labbadia und hofft auf drei Punkte. Nicht mehr und nicht weniger. Denn Atmosphäre, großen Jubel auf den Rängen – das alles gibt es sowieso erst wieder nach Corona.