Berlin - Vor einem Jahr, am 11. Februar 2020, sorgte Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC für verstörte, brüskierte, mindestens aber verwunderte Gesichter, als er auf Facebook wissen ließ, ab sofort nicht mehr als Cheftrainer der Bundesliga-Fußballer zur Verfügung zu stehen. Kopfschütteln überall. Die Häme anderswo war groß. Erst recht, als die Klinsmanns Tagebücher auftauchten, in denen der frühere Stürmer auflistete, wo und warum es bei Hertha überall hakt.

Und jetzt, ein Jahr später? Meldet sich Lars Windhorst mittels einer großen PR-Offensive zu Wort und bedauert noch immer, dass Klinsmann damals so gehandelt hat. „Die Art seines Abgangs war und ist für mich nicht akzeptabel“, sagt der Hertha-Investor. Zumal ja viele festgestellt hätten, „dass viele Impulse und Analysen von Jürgen Klinsmann so falsch nicht waren. Es hätte sehr konstruktiv sein können.“

Dass die Hertha ein Jahr später nicht besser dasteht, könnte bedeuten, dass es Windhorst nicht gelang, denjenigen, die sich an ihren Pfründen, Ämtern und Routinen festklammerten, die Finger zu lösen. Das Verhältnis zwischen Windhorst und der Vereinsführung galt bislang jedenfalls als kompliziert bis angespannt. Und auch nach dem Rauswurf von Manager Michael Preetz und Klinsmanns Nachfolger-Nachfolger Bruno Labbadia ist der spöttische Unterton nicht verschwunden, der ziemlich überall mitschwingt, wenn vom Big City Club die Rede ist, den Windhorst in Berlin aufziehen will.

Ob es ein Fehler war, diesen Begriff zu prägen? „Fakt ist, dass der Begriff ‚Big City Club‘ beschreibt, dass Hertha der Fußballverein der größten Stadt Deutschlands ist. Berlin ist eine weltweite Marke, eine tolle Bühne und ein tolles Umfeld für einen Fußballklub, um sich positiv und international zu entwickeln“, antwortet Windhorst in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur ausweichend. „Ist doch klar, dass der Einstieg eines Investors bei einem Verein wie Hertha einen Kulturwandel und eine Herausforderung bedeuten, die nicht reibungslos verlaufen.“ Das ändere nichts daran, dass Hertha BSC als Verein dieses Synonym rechtfertigt.

Lars Windhorst als Agnelli von Berlin

Trotz aller Turbulenzen, aller Häme und einer – gemessen am Anspruch – viel zu geringen Punktausbeute beteuert Windhorst, er habe die Lust am Investieren nicht verloren, sein Engagement bei Hertha sei sehr langfristig angelegt. „Wir können uns durchaus vorstellen, hier zehn, zwanzig, dreißig Jahre engagiert zu bleiben. Es gibt auch Beispiele, wo andere Unternehmen sich langfristig im Fußball engagiert haben, Juventus Turin zum Beispiel mit der Familie Agnelli. Es würde mich freuen, wenn das möglich ist.“

Das Investment habe er jedenfalls bislang noch nie bereut, sagt Windhorst. „Ich bin doch nicht mit der Erwartungshaltung eingestiegen, dass Hertha BSC zwölf Monate später einen Riesen-Börsengang hinlegt, Champions League spielt und ich mein Geld verdoppelt habe.“ Dass gewisse Dinge nicht so gelaufen sind, wie er sich das erhofft hatte, gibt Windhorst zu. Ein paar Monate seien verloren. Tja. Aber die langfristigen Ziele seien noch immer zu erreichen.

Erst recht, wenn sich der Aufsichtsrat so solidarisch äußert wie kürzlich Jens Lehmann. Der frühere Nationaltorhüter forderte mehr Dankbarkeit für Windhorst in den Gremien des Vereins. Schließlich erläutert Windhorst seine tägliche Bredouille: „Mir ist öfter von Finanzinvestoren oder selbst von Leuten in meiner Gruppe vorgehalten worden: Was ist denn das für ein Investment, kein Gewinn, kein Erfolg und nichts zu bestimmen? Die Ruckeleien zwischen Investor und Vereinsführung sehe ich als gegenseitiges Abtasten.“

Nachdem der 44-Jährige am Dienstag den „Höhle der Löwen“-Investor Georg Kofler ins Aufsichtsrat-Quartett berufen hat und der ehemalige Pay-TV-Macher Carsten Schmidt dabei ist, sich als neuer starker Mann in der Geschäftsführung zu etablieren, spricht Windhorst auch über die 50+1-Regel: „Das ist ein hoch emotionales Thema, das in Deutschland aktuell leider festgefahren ist. Dabei ist es nicht schwarz oder weiß.“ Aber der Investor ist, so Windhorst „doch nicht der Diktator, der alles von oben vorgibt. Es geht darum, Menschen mitzunehmen, zu motivieren, für eine gemeinsame Sache zu kämpfen. Selbst wenn wir jetzt 100 Prozent hätten oder 50,1 Prozent Stimmrechte, kann ich als Finanzinvestor nicht einfach permanent reinregieren oder bestimmen.“

Lars Windhorst ist beeindruckt vom 1. FC Union

Ob für das Ziel Champions League bei Hertha weitere Investitionen als die bisher vereinbarten 374 Millionen Euro nötig sind, kann Windhorst nicht vorhersagen. Schließlich lägen derzeit Eintracht Frankfurt oder der 1. FC Union mit einem weitaus kleineren Budget viel näher an den Europapokalplätzen. Wo schon mal der Stadtrivale erwähnt war, versicherte  Windhorst, dass er den Aufschwung der Köpenicker neidlos verfolgt. „Mir zeigt es, wie schön emotional Fußball ist. Das ist positiv zu sehen, ärgert mich überhaupt nicht“, sagt er und nannte die Entwicklung der Eisernen „beeindruckend“. „Es ist für Berlin und Deutschland ein absoluter Gewinn, dass wir hier zwei große Vereine haben, die in der Bundesliga spielen. Ich würde mich freuen, wenn das langfristig so bleibt, dass wir einen intensiven Wettbewerb haben.“ Über einen möglichen Hertha-Abstieg wollte er jedenfalls nicht sprechen.