Berlin-Westend - Das war es nun. Herthas letztes Pflichtspiel des Jahres 2020. Das 1:4 beim SC Freiburg brachte das ganze verkorkste Jahr nochmal nachdrücklich auf den Punkt. 13 Zähler nach 13 Partien, nahe an den Abstiegsrängen. Die bisher enttäuschende Ausbeute hat mit den Erwartungen des Klubs so viel zu tun wie das nicht mehr stattfindende Nachtleben mit der Kulturmetropole Berlin. Doch Corona hat bei den Blau-Weißen damit nur bedingt etwas zu tun.

Trainer Bruno Labbadia, der Hertha in der vergangenen chaotischen Saison vor dem Abstieg bewahrte, als er im April das Amt übernahm, hat in dieser Saison die Aufgabe, eine junge Mannschaft mit vielen teuren Talenten zu entwickeln. Nach der Auswärtsniederlage in Freiburg sagt er: „So ehrlich müssen wir sein. Wir stehen jetzt zu Recht da. Wo wir gerade stehen, ärgert mich weniger. Mich ärgert mehr, wo wir hätten stehen können.“

Nach dem schweren Startprogramm und guten Spielen gegen die Topklubs wähnten sich alle auf einem entscheidenden Schritt in der Entwicklung des Teams. Ein 0:0 in Leverkusen, ein 3:1 im Derby gegen den 1. FC Union, ein 1:1 in Gladbach. „Da waren Fortschritte zu sehen, doch das haben wir dann nicht fortgeführt“, sagt Labbadia. Ein blutarmes 0:0 gegen Mainz ohne eine Torchance, jetzt das 1:4, bei dem die erste Halbzeit einer fußballerischen Selbstaufgabe glich. Verschenkte Punkte, die Hertha zumindest mal ins obere Mittelfeld hätten katapultieren können. Stattdessen Abstiegskampf und wieder mal Unruhe in der Mannschaft.

Es rumort im Team, besonders wegen eines Spielers. Matheus Cunha lieferte zuletzt zwei Totalausfälle ab. Trainer Bruno Labbadia wechselte ihn zur Halbzeit aus und kritisierte ihn hart: „Wir hätten ihn schon zuletzt gegen Mainz runternehmen können, das haben wir nicht gemacht. Jetzt haben wir uns dafür entschieden, nachdem er in der ersten Halbzeit für mich unterirdisch war.“

Keine Körpersprache, keine taktische Disziplin waren die Hauptvorwürfe. „Ich bin total verärgert. Er ist noch ein junger Mensch mit 21 Jahren, aber er muss es schleunigst verändern. Das ist ein No-Go. Er zieht sich selber runter, bringt seine Leistung nicht, zieht die Mannschaft runter.“

Die Anweisungen waren klar. Cunha sollte den linken Flügel bespielen, um Stürmer Krzysztof
Piatek mit Flanken zu bedienen und die kompakte Defensive der Freiburger auseinanderzuziehen. Cunha machte das Gegenteil und spielte lieber zentral. „Der eine oder andere meint, dass er sein Ding alleine durchziehen kann. Das funktioniert so nicht.“ Das sagen auch die Zahlen, die Cunha nach seinen 45 Minuten hinterließ: nur 25 mal am Ball, zehn Pässe, zwei kamen nicht an, nur 17 Prozent der Zweikämpfe gewonnen.

Vom Hoffnungsträger zum Problemfall in nur zwei Spielen. Wie geht so etwas? Seit ein paar Wochen wird hinter den Vereinskulissen über eine vorzeitige Vertragsverlängerung mit Cunha verhandelt. Er soll mehr Gehalt bekommen, dafür soll aber in den Kontrakt eine hohe festgeschriebene Ablösesumme stehen.

Schon im Sommer hielten Topklubs wie Paris Saint-Germain und Inter Mailand Ausschau nach Cunha. Der offensive Mittelfeldspieler weiß schon lange, wie wichtig er für die Blau-Weißen ist. Lenkt ihn der ganze Poker zu sehr ab oder hebt er ab und will deswegen auf dem Platz nur sein Ding durchziehen?

Cunha selbst entschuldigte sich nach der Trainerschelte via Twitter: „Ich weiß, dass es kein guter Tag für uns war. Es gibt Leute, die viel reden, aber ich spiele wirklich für dich, für unsere Hertha und diejenigen, die wirklich helfen wollen! Ich werde mich verbessern und dir Cunha zurückgeben!“

Ob seine Worte reichen, wird die nahe Zukunft zeigen. Auch das ist ein Entwicklungsprozess - bei dem Spieler, aber auch innerhalb der Mannschaft. Labbadia fordert schon mal Cunhas Mitspieler auf, ihn auf Teamgeist zu trimmen: „Es müssen auch die Spieler etwas sagen, die ordentlich mitmachen. Sie müssen zu ihren Mitspielern sagen: So funktioniert es nicht!“ Doch Reden alleine wird nicht helfen. Es müssen Taten folgen. Sonst beginnt das neue Jahr, wie 2020 geendet ist. Mit einer Enttäuschung, die eine fatale Blamage werden könnte. Hertha spielt am 2. Januar gegen Schlusslicht Schalke, das seit 29 Spielen nicht mehr gewonnen hat.