Mit Schwarz, ohne Schwarz? Herthas Trainer steht in der Diskussion

Der Coach des Bundesliga-Vorletzten flüchtet sich in Floskeln. Im Verein ist er beliebt. Soll er bleiben? Unser Kolumnist Michael Jahn ist skeptisch.

Wie viel Zeit bleibt ihm noch bei Hertha? Trainer Sandro Schwarz schaut auf die Uhr. 
Wie viel Zeit bleibt ihm noch bei Hertha? Trainer Sandro Schwarz schaut auf die Uhr. Sören Stache/dpa

Immer wenn Hertha tief in einer Krise steckt – eigentlich ist das längst täglich gelebte Normalität geworden –, erreichen mich zahlreiche Nachrichten von Freunden und auch von altgedienten Hertha-Anhängern und ehemaligen Spielern aus erfolgreicheren Zeiten. Sie alle treibt die Sorge vor dem Abstieg um. Der Tenor der aktuellen Bemerkungen: Sie sehen langsam schwarz für Hertha! Das ist durchaus doppeldeutig, denn vieles fokussiert sich derzeit auf Cheftrainer Sandro Schwarz.

Ich selbst bin hin- und hergerissen bei der Frage, ob der 44-Jährige, den Fredi Bobic von Dynamo Moskau nach Berlin holte, noch der richtige Mann am Platze ist. Seine immer wiederkehrenden Erklärungen nach Niederlagen reichen mir nicht aus („wir müssen klar sein und bei uns bleiben“). Sie erinnern mich an die Floskeln des ehemaligen Hertha-Trainers Tayfun Korkut, der stets sagte: „Das Momentum war nicht auf unserer Seite!“

Sandro Schwarz ist die wichtigste sportliche Instanz im Klub

Korkut war ein Vertrauter von Fredi Bobic aus Stuttgarter Zeiten, den der ehemalige Sportchef nach drei Jahren ohne Job aus der Versenkung geholt hatte und an dem er so lange festhielt, bis gar nichts mehr ging und er die Feuerwehr in Gestalt von Felix Magath rufen musste. Die Kombination Magath (Autorität mit enormer Erfahrung) und dessen schottischer Assistent Mark Fotheringham (emotionaler Vulkan, der bei den Profis ankam) war erfolgreich.

Nach der Entlassung von Bobic, einst als Spieler Europameister, ist Sandro Schwarz die wichtigste sportliche Instanz im Klub. Der neue Sportdirektor Benjamin Weber ist – bei allem Respekt – im Haifischbecken Bundesliga ein Neuling, und auch Andreas „Zecke“ Neuendorf (Typ Fotheringham) betritt als Direktor Akademie/Lizenzspieler berufliches Neuland. In Präsidium und Aufsichtsrat sitzt in Andreas Schmidt nur ein ehemaliger Profi, der aber mit dem Tagesgeschäft nichts zu tun hat.

Ich glaube, alle bei Hertha haben sich die engagierten und teils guten, vor allem auch kämpferischen Auftritte vor der WM-Pause zu lange schöngeredet nach dem Motto: „Die fehlenden Punkte holen wir uns schon noch.“ Schwarz sollte für „aktiven und vorwärtsgewandten Fußball“ stehen, so einst Bobic. Der Trainer versuchte diesen Anspruch auch zu erfüllen – allerdings hatte er dafür nur einen qualitativ limitierten Kader zu Verfügung. Dennoch gelang der Schulterschluss mit den Fans, und der Optimismus überwog. Doch irgendjemand scheint im Januar den Stecker gezogen zu haben. Sämtliche Tugenden aus der Vor-WM-Phase sind wie weggeblasen. Die Profis traben ihren Gegenspielern schwerfällig hinterher, sie sind gedanklich langsamer als Kicker aus Bochum, Wolfsburg oder Frankfurt, ihre Konzentration ist mies. Warum nur?

Im Jahr 2023 hat Hertha alle vier Spiele verloren, mit einer schrecklichen Bilanz von 1:13 Toren, unter Schwarz gab es in 19 Ligaspielen lediglich drei Siege zu bejubeln. Vier Duelle in Serie beim Start ins neue Jahr verlor ein Hertha-Team auch im Januar 2012 unter Trainer Michael Skibbe. Nach einem desaströsen 0:5 beim VfB Stuttgart war Schluss für den Coach. Auch seine Nachfolger René Tretschok und Otto Rehhagel konnten den Abstieg nicht vermeiden. Nicht immer bringen Trainerwechsel den gewünschten Effekt.

Präsident Kay Bernstein hat jetzt einen „Strategiewechsel“ verkündet, holt Männer mit „Hertha-DNA“ (wie definiert man diese genau?) in die Verantwortung und will in Zukunft intensiver auf die eigene Jugend-Akademie bauen. Sandro Schwarz genießt bei ihm hohe Anerkennung wegen seines Fleißes und seines respektvollen Umgangs mit dem Team. Man will endlich Kontinuität auf der Trainerposition, was verständlich ist. Den ausgerufenen „Berliner Weg“ möchte man am liebsten länger mit Schwarz gehen. Dennoch finde ich, dass der Klassenerhalt – bei allen Visionen – die absolute Priorität sein muss. Und da sollten unpopuläre Maßnahmen wie ein Trainerwechsel nicht ausgeschlossen sein. Wenn sich die Mannschaft nicht schnellstens berappelt und Siege einfährt, sehe auch ich endgültig schwarz.