Berlin - Endlich mal nicht von starkem Kampf, fehlendem Spielglück und damit ausgeblieben Punkten reden müssen, sondern einfach nur erleichtert zu Hause auf der Couch eine Zigarre rauchen. Pal Dardai hat in seiner zweiten Amtszeit nach fünf sieglosen Spielen endlich seinen ersten Sieg mit Hertha BSC geschafft. 2:1 nach 0:1-Rückstand zur Pause gegen den FC Augsburg. Jedem war vor der Heimpartie klar, dass bei einer weiteren Niederlage die Abwärtsspirale im Kampf um den Klassenerhalt an Dynamik gewonnen hätte. Der negative Lauf ist gestoppt. Und die Hoffnung wächst wieder, dass dieses Spiel ein Wendepunkt in der Katastrophensaison wird.

Fußball ist Psychologie. Die großen Fragen nach dem Dreier gegen den Abstiegskonkurrenten aus Bayern lauten also: War das der Befreiungsschlag? Setzt dieser Sieg Kräfte frei? Hält die angekratzte Psyche der Profis dem Druck im Endspurt um den Klassenerhalt stand?

Klünter: „Wir hätten fast geweint vor Glück!“

Die Erleichterung war nach dem Abpfiff im Stadion in jedem Satz und jeder Geste der Spieler spürbar. Kapitän Niklas Stark und Verteidiger Lukas Klünter gingen Arm in Arm vom Platz, gezeichnet vom Kampf, doch total glücklich. Stark sprach aus, was alle blau-weißen Profis nach dem Abpfiff fühlten: „Die Erleichterung ist groß. Es war ein riesiger Stein, der da vom Herzen gefallen ist.“ Klünter ergänzte: „Nach all den negativen Wochen endlich ein positives Ergebnis. Wir hätten fast geweint vor Glück.“

Das war kein abgedroschener Pathos. Es ist eine Last von den Spielern gefallen, die sich selbst seit dem Herbst in eine Krise gespielt haben. Trainer Pal Dardai hatte schon beim Abschlusstraining vergangenen Freitag gespürt, dass die Nerven der Spieler total angespannt waren. „Der psychische Druck war groß, da haben viele verkrampft. Da hatte ich schon ein schlechtes Gefühl. So war es dann auch in der ersten Halbzeit. Ich habe in der Pause ruhig analysiert, nicht gebrüllt. Ich habe gesagt, dass die Jungs mutiger und risikoreicher sein sollen. Schlimmer als jetzt mit einem 0:1-Rückstand kann es nicht kommen.“

Dieser Satz hat alles freigesetzt, und Hertha stürmte in der zweiten Halbzeit los und gewann durch Tore von Kris Piatek (52.) und Dodi Lukebakio (89./Elfmeter). Initiator der beiden Aktionen war Klünter mit zwei genialen Steilpässen. Genau jener Außenverteidiger, der bei Dardais Vorgänger Bruno Labbadia keine Berücksichtigung fand. Klünter ist der personifizierte Wandel im Team und der Gewinner der letzten Wochen. Beim 0:2 in Wolfsburg stand er noch für das Dauerpech der ganzen Mannschaft. Er machte ein Eigentor. Da tröstete ihn Dardai noch: „Eigentor? Na, und! Vielleicht ist er beim nächsten Mal der Matchwinner.“ Mit prophetischen Qualitäten des Trainers hat das nichts zu tun. Der erfahrene Trainer weiß einfach: „Wer fleißig ist, wird belohnt.“ Deswegen mahnt er nach dem Sieg auch gleich wieder an: „Der Sieg kann ein Weckruf sein. Jetzt müssen wir dran bleiben. Es ist immer ein schmaler Grat.“

Dardai: „Warum sollen wir keine Punkte aus Dortmund mitnehmen?“

Die Spiele in den nächsten Wochen werden nicht leichter, sondern schwieriger. Sonnabend geht es nach Dortmund, dann folgt Leverkusen. Nach der Länderspielpause steigen das Derby bei Union und eine Heimpartie gegen Gladbach. Dardai: „Wir fahren mit einem Plan nach Dortmund. Jede Mannschaft hat gegen uns geschwitzt. Wir werden uns gut vorbereiten. Warum sollen wir da keinen Punkt mitnehmen?“

Der Trainer hat Teamgeist und neues Selbstbewusstsein in die Truppe geimpft und mit viel Geduld und persönlichem Stehvermögen die Niederlagen davor weggesteckt. Doch Dardai ist völlig klar, dass sich jetzt die Anspannung noch steigern wird. „Augsburg war kein Endspiel. Es war ein Spiel. Wir müssen weiter punkten, um uns zu befreien. Die Saison ist noch lang.“ Doch ein kleiner Schritt ist erreicht, da schmeckt dann auch die Zigarre.