Berlin - Ein Spiel sagt manchmal mehr als tausend Worte. Hertha BSC hat höchstwahrscheinlich durch den 2:1-Sieg bei Schalke 04 den Super-GAU, den Abstieg in einer katastrophalen Saison, abgewendet. Das von Investor Lars Windhorst zum „Big City Club“ ernannte Hau-ruck-Millionen-Projekt mit neuen Spielern ist gescheitert. Das letzte i-Tüpfelchen für die Ironie bei dieser Geschichte lieferte der Sieg im Nachholspiel in Gelsenkirchen. Kein Millionen-Star machte das Siegtor, sondern das Eigengewächs Jessic Ngankam (20).

Pal Dardai sagte Ngankams Tor voraus

Er fristete in dieser Saison lange nur ein Schattendasein. Genau wie die frühere, relativ erfolgreiche Philosophie des blau-weißen Ausbildungsklubs, die dem „Angriffsverein“, so nannte es der neue Geschäftsführer Carsten Schmidt, weichen musste. Ngankam, ein Junge mit familiären Wurzeln in Kamerun, ist seit 14 Jahren in dem Verein, wurde zum Stürmer ausgebildet, schaffte den Sprung zu den Profis. Doch in dem Kader kam er an, als schon die teuren Stars für den Angriff gekauft wurden. Er musste sich ganz weit hinten anstellen, um überhaupt eine Chance zu bekommen. Selbst Trainer Pal Dardai hatte da Mitleid. Doch der Ungar hatte schon vor Wochen eine Wunschvorstellung formuliert: „Jessics Zeit kommt. Er braucht Geduld, er hat gestandene Spieler vor sich. Doch vielleicht macht er noch ein ganz wichtiges Tor in dieser Saison.“

Ngankam hat es gemacht – in der 74. Minute auf Schalke. Ziemlich abgezockt sogar. Mit dem rechten Fuß den Ball angenommen, mit links scharf ins kurze Eck geschossen. „Ich habe es in den Tagen vorher im Training genau so geübt. Es hat geklappt“, erklärte der Angreifer, den Dardai eher als Außenstürmer sieht. Der Held des Abends sagte danach bescheiden: „Ich bin seit meinem sechsten Lebensjahr hier, bin ein richtiger Herthaner. Da ist man umso stolzer, der Mannschaft ein bisschen geholfen zu haben.“

Ein bisschen ist dabei stark untertrieben. Dieses Tor ist wahrscheinlich nicht nur der Bundesliga-Erhalt für den Hauptstadtklub. Es bedeutet ganz einfach auch viel Geld. Statt nur 21 Millionen Euro Fernsehgelder in der Zweiten Liga wird Hertha rund 51 Millionen Euro bekommen. Die Investition in Ngankams 14-jährige Ausbildung als Fußballer hat sich wirklich ausgezahlt.

Lukebakio tritt sich ins Abseits

Bei anderen teuren Stars bestehen berechtigte Zweifel. Bei Dodi Lukebakio haben sich diese seit dem Spiel in Gelsenkirchen erheblich verstärkt. Der Belgier wurde eingewechselt und kassierte nach einem überflüssigen Tritt auf den Fuß des Schalkers Steven Skrzybski in der 89. Minute die Gelb-Rote Karte und zog sich den Zorn seines Trainers, der ihn bisher immer noch schützte, auf sich. Dardai: „Das war blödsinnig und unnötig, das akzeptiere ich nicht. Jetzt kommt der böse Trainer zu ihm. Irgendwann reicht es mit nett sein.“ Bis zu diesem Foul hatte Dardai bei dem eigenwilligen, launischen Lukebakio immer ein Auge zugedrückt. Damit ist jetzt Schluss, und das ist völlig verständlich.

Fußbruch bei Piatek

Denn nach dem Saison-Aus von Jhon Cordoba, dessen Bänder im Sprunggelenk lädiert sind, und von Krzysztof Piatek, der sich bei dem 2:1-Sieg den Fuß gebrochen hat, hätte Lukebakio eigentlich am Sonnabend gegen den 1. FC Köln stürmen sollen. Jetzt ist er gesperrt und hat in der entscheidenden Phase dieser  Saison versagt. Auch das passt ins Bild. Mit Lukebakio begann im Sommer 2019 das große Investitionsprogramm der Blau-Weißen, als der Klub 20 Millionen Euro Ablösesumme an den englischen Klub FC Watford überwies.

Nun muss es Ngankam im Angriff gegen die Kölner richten. Es ist seine Chance auf den Karrieresprung. Er wird zum ersten Mal in der Startelf stehen und vielleicht den Klassenerhalt mit einem weiteren Tor amtlich machen.