Berlin-Westend -  Pal Dardai hatte es geahnt und alles probiert, um das blau-weiße Worst-Case-Szenario abzuwenden. Doch obwohl Herthas Cheftrainer seine Profis nach der Corona-Quarantäne in Watte packte, indem er die Belastung im Training steuerte und nach dem Kaltstart fast jedem Spieler eine Verschnaufpause gönnte, ist das Lazarett der Berliner nach drei absolvierten Partien innerhalb von sieben Tagen bereits prall gefüllt. Nach dem Mittelfußbruch von Mittelfeldmann Matteo Guendouzi, den sich der Franzose am Donnerstag beim 3:0-Sieg gegen Freiburg zuzog, erwischte es am Sonntagabend bei der Nullnummer gegen Arminia Bielefeld Maximilian Mittelstädt und Matheus Cunha. 

Verteidiger Mittelstädt zog sich eine Gehirnerschütterung zu, verbrachte die Nacht sogar im Krankenhaus. Noch hoffen die Blau-Weißen, dass der Blondschopf im Abstiegskampf wieder eingreifen kann. Für das letzte Nachholspiel auf Schalke (Mittwoch, 18 Uhr, Sky) fällt er definitiv aus. Noch schlimmer hat es Spielmacher Cunha erwischt. Die Diagnose: Die Bänder im rechten Sprunggelenk des Brasilianers sind malträtiert. Offiziell rechnet Hertha mit Cunha frühestens wieder am letzten Spieltag. Wenn überhaupt. 

Kritik am Anlaufverhalten der Angreifer

Offen ist auch, ob Sami Khedira bereits gegen den Revierklub wieder zur Verfügung steht. Der Weltmeister von 2014 fehlte bereits wegen Wadenproblemen gegen Bielefeld. Torwart Rune Jarstein, Stürmer Dodi Lukebakio und Verteidiger Marvin Plattenhardt standen nach ihrer Corona-Erkrankung seit dem Neustart noch gar nicht im Kader. 

Die neusten Nachrichten sind ein weiterer Dämpfer auf die spürbare Enttäuschung in Westend, gegen Bielefeld den Befreiungsschlag im Abstiegskampf verpasst zu haben. Dardai registrierte die Stimmung in der Kabine und steuerte gleich dagegen. „Ich habe noch keine Mannschaft erlebt, die jede Patrone an die richtige Stelle schießt“, erklärte der Ungar und richtete den Blick auf das kommende Spiel: „Wir bleiben fleißig, ehrlich, konsequent und versuchen, den Joker zu ziehen.“

Hoffen auf Sami Khedira 

Die Rechnung ist einfach: Gelingt den Berlinern im „Bonusspiel“ (Dardai) gegen den bereits feststehenden Absteiger ein Sieg, gehen sie mit fünf Punkten Vorsprung in das nächste Kellerduell, wenn der 1. FC Köln am 33. und vorletzten Spieltag (Sonnabend, 15.30 Uhr) im Olympiastadion zu Gast ist. Mit einem weiteren Dreier gegen den Effzeh wäre das Zittern um den Ligaverbleib schon am Sonnabend beendet. 

Damit Hertha am Wochenende den ersten Matchball in der Hand hat, muss Dardais Elf auf Schalke wieder kompakter stehen. „Wir sind viel zu lang, viel zu breit gewesen“, erklärte Dardai die schlechte Staffelung seiner Spieler und die damit einhergehenden Lücken, in die die Bielefelder immer wieder gefährlich vorstießen. Dass die Fallhöhe gegen den abgeschlagenen Revierklub enorm ist, weiß Dardai. Es werde nicht einfacher, wenn man gewinnen müsse, sagte er. Und: „Bisher war es so, dass die Jungs geliefert haben, wenn sie mussten. Jetzt haben wir das erste Mal nur Remis gespielt und keine wirkliche Torchance gehabt. Deswegen mache ich mir schon Gedanken.“ 

Marton Dardai bleibt Hertha treu

Vor allem wird Dardai überlegen, wie er seine Angreifer zurück in die Spur bringt. „Wir wollten hoch pressen, nach Balleroberungen Chaos-Momente provozieren. Dafür muss man sich vorne auch bewegen. Das haben die drei nicht gemacht“, ärgerte er sich über Cunha, Jhon Cordoba und Krzysztof Piatek. Dazu muss, ungeachtet drohender Ausfälle, körperlich wieder dagegengehalten werden. Denn trotz der massiven Rotation, an der Dardai auch in Gelsenkirchen festhalten will, liefen seine Spieler gegen Bielefeld weniger und hatten vor allem in den entscheidenden Zweikämpfen immer wieder das Nachsehen, was auch Dardai nicht verborgen blieb: „Wenn du körperlich nicht gut bist, bist du mental auch nicht im besten Zustand. Deswegen mache ich der Mannschaft keinen Vorwurf.“

Stattdessen probierte Dardai, das Positive in den Vordergrund zu stellen: Trotz der Zwangspause ist Hertha seit sechs Spielen ungeschlagen. „Das müssen wir bestätigen.“ Bereits offiziell machte Hertha dagegen die sich anbahnende Vertragsverlängerung von Dardais zweitältestem Sohn Marton. Der 19 Jahre junge Innenverteidiger, der erst unter Bruno Labbadia in der Vorrunde sein Bundesliga-Debüt feiern durfte, wurde für seine starken Leistungen belohnt und unterschrieb einen neuen Vertrag bis 2024.