Berlin - Beinahe knapp die Hälfte der über dreistündigen digitalen Mitgliederversammlung von Hertha BSC war am Sonntagmittag abgelaufen, als Carsten Schmidt, der Vorsitzende der Geschäftsführung, um 12.20 Uhr die wohl wichtigste Nachricht des Tages öffentlich machte: Pal Dardai bleibt Cheftrainer und auch sein gesamtes Trainerteam wird die Mannschaft in der neuen Saison anleiten. „So wie es aussieht, gehen wir zusammen in die neue Saison. Arbeit und Fleiß werden da sein“, sagte Dardai in einer Video-Botschaft.

Hertha „fühlt sich bestens für die Zukunft aufgestellt“

Schmidt, seit 1. Dezember 2020 im Amt, trat zum ersten Mal bei einer Mitgliederversammlung auf und sagte zur zweiten wichtigen Personalie: „Mit Sportdirektor Arne Friedrich sind wir in guten Gesprächen und werden sicher bald ein Ergebnis verkünden können.“

Über 2700 Vereinsmitglieder hatten sich in die zweite digitale Versammlung seit Beginn der Pandemie eingeschaltet, konnten Fragen stellen und ihre Meinung äußern. Zu Beginn hatte Präsident Werner Gegenbauer, 71, von einer „außerordentlich enttäuschenden Saison“ gesprochen, „die mit dem Klassenerhalt einen halbwegs erfreulichen Abschluss gefunden hat“. Mit dem ehemaligen Sky-Manager Schmidt und dem künftigen Sportchef Fredi Bobic, der am Dienstag seinen Job bei Hertha antreten wird, sei man laut Gegenbauer „bestens für die Zukunft aufgestellt. Wir müssen nicht bange sein und werden die Krise meistern“.

Präsident Werner Gegenbauer muss Abberufungsantrag überstehen

Später gab Gegenbauer aber auch zu: „Wir verdienen Kritik!“ Sogar einen Abberufungsantrag musste der Unternehmer überstehen, der in seiner vierten Amtszeit steht und erst im Oktober auf einer Präsenzveranstaltung der Mitglieder, die in der Ostkurve des Olympiastadions unter freiem Himmel stattfand, wiedergewählt worden war – mit 54 Prozent der Stimmen. Mario Pfeifer aus Brandenburg, 49, zehn Jahre Vereinsmitglied und 40 Jahre Hertha-Fan, hatte den Antrag gestellt und begründete ihn, dass es „Zeit sei für Veränderungen im Verein“. Doch die Abstimmung ergab: 982 Stimmen für Gegenbauer, 622 Stimmen für seine Abwahl und 95 Enthaltungen.

Zuvor hatte Gegenbauer mitgeteilt, dass Hertha nun 38.407 Mitglieder habe. Allein seit März 2021 seien 2148 neue Mitglieder geworben worden. Erst am 31. Dezember 2020 hatte eine offizielle Statistik des Landessport-Bundes (LSB) ergeben, dass der 1. FC Union Hertha zum ersten Mal mit einigen Hundert Mitgliedern mehr übertrumpft hatte.

Schmidt gab einen Einblick, wie er persönlich die schwere Zeit seit seinem Einstieg bei Hertha erlebt und wie er gelitten hatte. Nach der Trennung von Trainer Bruno Labbadia und Manager Michael Preetz Ende Januar sei man im Januar mit einer komplett neuen sportlichen Führung – mit Friedrich und Dardai – in den Kampf um den Klassenerhalt gezogen. Später – nachdem Team und Trainerstab wegen Corona-Fällen in die Quarantäne mussten – „gingen die Köpfe kurz nach unten, aber dann gab es ein ‚Jetzt-erst-recht-Gefühl‘ von der Empfangsdame bis zum Trainer“. Zum Konstrukt mit Dardai sagte Schmidt: „Wir haben im Januar mit Pal eine Vereinbarung für eineinhalb Jahre getroffen, die gilt.“

Mindereinnahmen auch in der kommenden Saison

Finanzchef Ingo Schiller, seit 23 Jahren im Verein, lobte die „sehr gute Geschäftsbasis mit Investor Tennor um Lars Windhorst. Der übergroße Teil des Investments sei geflossen. Am Ende wird es sich um 374 Millionen Euro handeln. Man habe erhebliche Einbußen durch die Pandemie hinnehmen müssen und plane auch für die kommende Spielzeit mit Mindereinnahmen. Allein im Bereich TV/Hörfunk muss man mit 15 Millionen Euro weniger rechnen. Einige Partner haben aber ihr Engagement verlängert, ein neuer Hauptsponsor wird intensiv gesucht und Schiller hofft auf die stufenweise Rückkehr der Zuschauer, „was uns wieder Mehreinnahmen bringen wird“.

Auch zur Stadionfrage äußerte sich der Finanzchef. Man arbeite intensiv im Hintergrund an einer Lösung, unterstützt durch die Fan-Initiative „Blau-Weißes Stadion“. Hertha bleibe beim Olympiapark als Standort für eine neue Arena. Schiller: „Wir werden nicht ruhen, bis das Projekt zum Erfolg geführt wird.“ Er dankte zudem Michael Preetz, mit dem er viele Jahre sehr gut in der Geschäftsführung zusammengearbeitet habe.

Carsten Schmidt, der viele sportliche Fragen noch nicht im Detail beantworten wollte, weil der neue Sportchef Fredi Bobic erst am Dienstag vorgestellt wird, stellte aber eine baldige „schonungslose Aufarbeitung der sportlichen Leistungen“ in Aussicht. Schmidt optimistisch: „Wenn wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, werden wir in eine gute Zukunft starten.“ Mit Pal Dardai in ganz entscheidender Rolle.