Berlin - Auch am zweiten Tag nach seiner Rückkehr lachte die Sonne über der Geschäftsstelle von Hertha BSC. Bereits tags zuvor, als die Berliner ihren reaktivierten Cheftrainer Pal Dardai als Nachfolger von Bruno Labbadia offiziell vorstellten, herrschte auf dem Schenckendorffplatz in Westend ausgelassene Heiterkeit unter passenderweise blau-weißem Himmel. Bei lockeren Übungen wurde gescherzt und gelacht, sodass Dardai schnell merkte, dass seine Angst vor den Spielern, die nach seiner Freistellung im Sommer 2019 in nur eineinhalb Jahren vier Trainer verschlangen, unbegründet gewesen war. Und doch wird so manchem Profi das Lachen noch in dieser Woche wieder vergehen. Für Dardais erstes Spiel bei der Eintracht aus Frankfurt (Sonnabend, 15.30 Uhr, Sky) droht einigen Spielern, die noch gar nicht damit rechnen, ein Platz auf der Ersatzbank.

Besonderes Augenmerk wird Dardai auf die Defensivarbeit legen. Bereits 32 Gegentreffer kassierten die Berliner – nur Schalke (48) und Mainz (38) verteidigen noch schlechter. Nicht die besten Vorausetzungen, um gegen die zuletzt formstarken Frankfurter Angreifer Andre Silva (14 Tore in 17 Spielen) und Real Madrids Leihgabe und Rückkehrer Luka Jovic (drei Treffer in drei Partien) zu bestehen.

Als ehemaliger defensiver Mittelfeldabräumer weiß Dardai genau, was es auf dem Platz braucht, um sicher zu stehen: Kompaktheit. Um diese wiederherzustellen, könnte Jordan Torunarigha, 23, für Omar Alderete in die Abwehrzentrale rutschen. Der Paraguayer wackelte zuletzt an der Seite von Niklas Stark, konnte seit seinem Sechs-Millionen-Wechsel vom FC Basel noch nicht konstant überzeugen.

Größter Gewinner des Trainerwechsels und von Dardais Spielphilosophie kann Santiago Ascacibar werden. Der Argentinier ist ein Kämpfer und Mentalitätsspieler, verkörpert alle Tugenden für die Dardai als Spieler stand – und auf die er als Trainer wert legt. Der 23-Jährige, einst von Ex-Trainer Jürgen Klinsmann und Ex-Manager Michael Preetz vor einem Jahr für zwölf Millionen Euro vom VfB Stuttgart transferiert, ist nach vielen Verletzungen endlich gesund und könnte im Verbund mit Mattéo Guendouzi und Vladimir Darida die Räume vor Herthas Tor schließen. Streichkandidat ist dafür Rekordtransfer Lucas Tousart. Dem 25-Millionen-Mann fehlt es weiter an Spritzigkeit. Auch mit dem wichtigen Spielaufbau fremdelt der Franzose noch. 

Um am Main Zählbares mitzunehmen, muss allerdings auch die Offensive wiederbelebt werden. Harmlose Standards und eine fahrlässige Chancenverwertung sorgten gegen Hoffenheim (0:3) und Bremen (1:4) genauso für das Ende von Bruno Labbadia wie individuelle Fehler und Disziplinlosigkeiten einiger Spieler. Dodi Lukebakio (für 20 Millionen Euro vom FC Watford), bereits vom Ex-Trainer angezählt, und Kris Piątek (für 22 Millionen Euro vom AC Mailand) droht auch unter Dardai die Bank.

Auf Spielmacher Matheus Cunha wird der Ungar dagegen nicht verzichten. Sollte der Brasilianer aber seine launischen Auftritte auch unter ihm an den Tag legen und nicht mannschaftsdienlicher spielen, kann es für den Tempodribbler ungemütlich werden. Dardai duldet keine Egotrips. Ein Lied davon singen konnten in seiner ersten Amtszeit zahlreiche Profis, unter anderem die mittlerweile abgewanderten Mitchell Weiser (Leverkusen) und Ondrej Duda (Köln). Dass dadurch Zugänge im Wert von mehr als 70 Millionen Euro auf der Hertha-Bank landen könnten, wird Disziplinliebhaber Dardai schnuppe sein. Vor allem, wenn dafür nach vier Spielen und einem Punkt ein Sieg herausspringt.