Berlin - Pal Dardai hat es sich nicht leicht gemacht. Als der Ungar seine Entscheidung, den Posten als Cheftrainer von Hertha BSC zu übernehmen, der von ihm trainierten U16 mitteilte, kamen ihm die Tränen. „Mir ist fast das Herz rausgeflogen“, berichtete der 44-Jährige in seiner ersten virtuellen Medienrunde am Dienstag. „Ich habe die Arbeit wirklich genossen. Es gibt keinen besseren Job“, sagte er. Da sein zentrales Organ allerdings nicht nur für die Jugend, sondern vor allem für Hertha BSC schlägt, sei nicht viel Überzeugungsarbeit des neuen Geschäftsführers Carsten Schmidt nötig gewesen. „Sie brauchen mich ja“, sagte Dardai, der Hertha als Nachfolger des entlassenen Bruno Labbadia vor dem Absturz retten soll.

Gebraucht hat Dardai auch die eineinhalbjährige Pause nach seiner ersten Amtszeit von Februar 2015 bis Frühsommer 2019. „Die Zeit hat mir gutgetan. Ohne den Stress habe ich mich jeden Tag wie ein neugeborenes Kind gefühlt“, erklärte Dardai, der in seinem letzten Jahr als Cheftrainer im Winter 2018 um seinen verstorbenen Vater trauerte. Auch sei die Beziehung zum damaligen Manager Michael Preetz durchaus belastend gewesen. „Beide Seiten waren angestrengt, gegenseitig müde vom anderen “, erklärte Dardai. Jedoch verspürte er weder damals einen Groll noch kommt nun bei ihm Genugtuung auf, dass Hertha nach den massiven Investitionen und vier verschlissenen Trainern wieder auf ihn zukam. „Sonst wäre ich ja nicht im Verein geblieben, sondern Jugendtrainer beim BFC oder sonst wo geworden“, erklärte Dardai.

Die Situation von heute sei mit seiner ersten Benennung zum Cheftrainer im Februar 2015 nicht zu vergleichen. Zwar steckt Hertha zu einem ähnlichen Zeitpunkt der Saison ähnlich tief im Tabellenkeller, aber „es wurde viel Geld investiert. Wir haben bessere Spieler. Dass es so negativ läuft, hat mich auch überrascht.“ Den großen Unterschied mache  die Zusammenstellung des Kaders - und eben er selbst. „Damals hatten wir erfahrene Fußballer und einen unerfahrenen Trainer. Jetzt ist es andersherum“, erklärt Dardai.

Hilfe von Arne Friedrich

Dabei versprüht Herthas Rekordspieler einen Charme und eine Energie, als wäre er nie wegewesen. Flotte Sprüche und knallharten Ansagen gepaart mit wahlweise einem breiten Grinsen und einem grimmigen Blick. Die Situation sei zwar erneut schwierig, „aber ich schaffe das. Ich rede auch nicht von Abstieg. Wir haben Stress. Den müssen wir lösen.“ Viel Zeit hat er nicht, sich einen Überblick zu verschaffen.

Dabei helfen soll ihm auch der vom Sportdirektor zum Interims-Manager aufgestiegene Arne Friedrich. „Ich war nah dran an der Mannschaft und bleibe das auch weiterhin“, sagte der ehemalige Nationalspieler. „Dass ich nun die Hauptverantwortung trage, ist ein Brett. Das nehme ich an.“ Die dringendste Aufgabe wird für Friedrich freilich sein, den am Montag schließenden Transfermarkt genau im Auge zu behalten, um die dringend benötige Offensivkraft zu finden. Es werde aber keine „Kurzschlussreaktion“ geben. „Das Wichtigste ist, dass wir aus dieser Abwärtsspirale rauskommen. Dafür ist Pal genau der Richtige“, erklärte Friedrich.

Um das zu schaffen, verzichtete Dardai vorerst auf Friedrichs Eindrücke vom Team. Was war, interessiere ihn nicht, sagte er. Dass das von ihm nun trainierte Team keine Einheit, sondern vielmehr ein Haufen von Einzelkönnern ist, sei ihm dabei auch während seiner Abwesenheit nicht entgangen. „Ich habe überhaupt nicht geschlafen, weil ich dachte, das sind 20 Alligatoren, die mich beim ersten Training auffressen“, berichtete er. Ein Einstellungsproblem konnte er nach der ersten Einheit allerdings nicht erkennen. Nach seiner Aufforderung, zwei Runden zu Beginn über den Schenckendorffplatz zu drehen, seien die Spieler automatisch die große Runde gelaufen. „Ich hätte als Spieler sicherlich die kleine gewählt“, sagte Dardai verschmitzt, der sich auch von der „gesunden Stimmung“ überrascht zeigte, dennoch erste Sofortmaßnahmen ankündigte. „Als ich damals nach Berlin kam, habe ich auch gedacht, ich verdiene gutes Geld und gehe wieder nach Hause“, erinnerte er sich an seinen Wechsel 1997. „Man muss aber auch Spaß an der Arbeit haben. Die Stadt, der Verein, das Stadion. Das ist doch geil“, zählte Dardai auf. „Das den Jungs zu vermitteln, das ist meine Aufgabe.“

Nicht verborgen geblieben sind ihm in den vergangenen Wochen die offensichtlichen sportlichen Defizite seiner neuen Mannschaft. „Bei mir geht es um taktische Disziplin“, erklärte Dardai und kündigte an, vor allem die Abstände auf dem Platz wieder zu verringern, was wiederum ein Fingerzeig ist, wie Hertha die kommenden schweren Aufgaben bei Eintracht Frankfurt (Sonnabend, 15.30 Uhr, Sky) und gegen den FC Bayern (Freitag, 5. Februar, 20.30 Uhr, Sky) auftreten will. „Wenn man so weit weg ist vom Gegner, kann man kein Gegenpressing spielen und ist bei Ballverlusten nicht bereit.“

Ziele will er dabei überhaupt nicht in den Mund nehmen, vor allem weil er keine Vorbereitung hatte. Für Hertha brach er aber seine goldene Regel erneut, nie ein Team während einer Saison zu übernehmen. „Ich wünsche mir, dass mir im Sommer alle auf die Schulter klopfen“, erklärte der Fan-Liebling. Die besonders eingefleischten Anhänger, die Ultras, die Dardai herzlich und die Entlassung von Preetz in einer gemeinsamen Stellungnahme begrüßten, aber Investor Lars Windhorst kritisierten, machte Dardai zum Schluss seiner ersten Pressekonferenz nach seiner Reaktivierung wohl schon allein dadurch glücklich, als er offenbarte: Persönlich kennengelernt habe er Herrn Windhorst noch nie: „Das ist jetzt nicht das Wichtigste. Ich habe als Trainer genug Arbeit.“