Berlin - Die Lage in Westend hatte sich weiter verschärft. In den vergangenen Wochen musste Hertha BSC mit ansehen, wie direkte Konkurrenten aus dem Tabellenkeller punkteten. Am Sonntag, einen Tag, nachdem Hertha bei Eintracht Frankfurt im ersten Spiel nach der Reaktivierung von Pal Dardai als Cheftrainer mit 1:3 die dritte Niederlage in Folge kassierte, gewann der 1. FC Köln gegen Arminia Bielefeld mit 3:1. Damit trennt die Berliner nur noch die bessere Tordifferenz von den Ostwestfalen und dem Relegationsrang. „Keine Kurzschlussreaktion und keine Panik“, hatte Arne Friedrich, einst als Sportdirektor zusammen mit dem entlassenen Manager Michael Preetz für die Kaderplanung zuständig und nun in der Hauptverantwortung, noch vor dem Wochenende angekündigt. Und doch lässt sich Herthas Gebaren auf dem bis Montag um 18 Uhr geöffneten Transfermarkt so beschreiben. Unter Zeitdruck verpflichtete Hertha Sami Khedira, 33, von Juventus Turin und Nemanja Radonjic, 24, von Olympique Marseille, was die Berliner unmittelbar vor Ende der Deadline bekanntgaben. 

Friedrich hatte kaum eine Wahl. Zum einen hatte der Ex-Nationalspieler erst vor einer Woche die Geschäfte von Preetz übernommen. Gleiches galt bekanntlich auch für Dardai, der sicherlich alle Hertha-Spiele unter seinem Vorgänger verfolgt hatte, sich aber erst seit letztem Dienstag ein eigenes Bild machten konnte. Zeigte sich der Ungar die ersten Tage positiv überrascht, musste er in Frankfurt feststellen, dass bei der Kaderplanung „einiges vergessen“ wurde. Dardais Kritik war das, wonach es sich anhörte: eine Ohrfeige für den bisher zuständigen Preetz, der in den vergangenen Jahren mehr als 140 Millionen Euro in den Kader investierte und zusammen mit Bruno Labbadia geschasst wurde. Aber auch in Teilen ein schlechtes Zeugnis für Friedrich, der seit Sommer 2020 mitwirkt. Zum anderen wissen sie bei Hertha BSC genau, wie schnell man in den Abstiegssog geraten kann. Und wie schwer es  ist, sich aus diesem Strudel zu befreien.

Helfen soll dabei Khedira. Als „großartigen Leader mit viel Erfahrung“ hatte Carsten Schmidt, Herthas Vorsitzender der Geschäftsführung, Khedira am Sonntag bei seinem ehemaligen Arbeitgeber Sky gepriesen. Gut möglich, dass der 33-Jährige das Zeug dazu hat, die Debatte über fehlende Führungsspieler zu beenden. Mit seiner Erfahrung und seiner Aura kann der beim VfB Stuttgart gereifte, bei Real Madrid und zuletzt Juventus Turin unter Vertrag stehende Mittelfeldmann einiges bewegen. Inwieweit der Weltmeister von 2014 die Berliner auch auf dem Platz voranbringt und ob er die dringend benötigte Soforthilfe ist, bleibt fraglich. Im vergangenen Jahr sammelte Khedira magere 30 Pflichtspielminuten. Eine OP wegen Herzrhythmusstörungen und zwei schwere Knieverletzungen warfen den nach dem blamablen Gruppen-Aus bei der WM 2018 von Bundestrainer Joachim Löw ausgebooteten Nationalspieler zurück. Nun wagt er elf Jahre nach seinem Abschied den Schritt zurück in die Bundesliga. Dabei soll er bereit sein, auf viel Geld zu verzichten. Dem Vernehmen kassiert Khedira bis zum Sommer ein Gehalt von rund zwei Millionen Euro. Da sein Vertrag in Turin im Sommer ausgelaufen wäre, verzichtete der italienische Rekordmeister auf eine Ablöseforderung. „Hertha BSC hat sich sehr um mich bemüht. Ich kann kann den Moment kaum abwarten, das erste Mal im blau-weißen Trikot auf dem Platz zu stehen“, erklärte Khedira und ergänzte: „Ich fühle mich körperlich sehr gut.“

Dagegen soll Radonjic der zuletzt harmlosen Offensive der Berliner wieder auf die Sprünge helfen. Der 20-fache serbische Nationalspieler wurde in der Talentschmiede von Roter Stern Belgrad ausgebildet und soll vor allem auf dem linken Flügel für Tempo und Tore sorgen und für den am Knie verletzten Javario Dilrosun in die Bresche springen, nachdem die Verhandlungen mit Werder Bremen über Milot Rashica scheiterten. Am Mittelmeer kam Radonjic nach seinem 12-Millionen-Wechsel in zweieinhalb Jahren auf 62 Pflichtspiele, in denen er acht Tore erzielte und drei Vorlagen gab. „Mit Nemanja bekommen wir einen Offensivspieler, der mit seiner Beidfüßigkeit und seiner Geschwindigkeit unser Flügelspiel beleben wird“, ließ sich Friedrich zitieren.

Während der Transfermarkt nun geschlossen ist und Friedrich keine vertragslosen Spieler mehr akquirieren kann, brodelt die Gerüchteküche um den Manager-Posten bei Hertha BSC weiter. Nicht zuletzt, weil Wunschkandidat Fredi Bobic das Feuer weiter anfachte, nachdem er während des Spiels ausgiebig mit Schmidt plauderte. „Ich bin sehr glücklich mit dem, was ich hier mache. Aber ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Das habe ich immer gesagt“, erklärte er bei Sky trotz seines bis 2023 gültigen Vertrags als Sportvorstand am Main.