Berlin-Westend - Die wilden 90 Minuten beim 2:2 (1:2) gegen Borussia Mönchengladbach waren für jeden Blau-Weißen eine emotionale Achterbahnfahrt. Dass seine Elf mal wieder einen Auftritt zwischen Genie und Wahnsinn hinlegte und deswegen trotz 80-minütiger Überzahl und 1:0-Führung am Ende nur einen Punkt im Kampf gegen den Abstieg sammelte, ließ Herthas Cheftrainer Pal Dardai auch 16 Stunden später und nach einer geschlafenen Nacht nicht kalt.

„Wir müssen nicht alles schlechtreden. Anders als im Derby war die Laufleistung okay“, sagte der 45 Jahre alte Fußballlehrer am Sonntag zunächst in einer virtuellen Medienrunde. Lob fand er vor allem aufgrund der zweiten Halbzeit, in der den Berlinern zumindest noch der 2:2-Ausgleich durch Jhon Cordoba gelang (49.): „Das war eine gute Antwort. Wir hatten so viele Torchancen wie noch nie. Der Wille war da, die Mentalität. Leider hat es nicht für drei Tore gereicht.“

Sami Khedira spricht Klartext

So weit, so gut. Doch so eng, wie der Abstand im Tabellenkeller ist, so dicht liegen auch Dardais Emotionen beieinander. Der Ungar, zu seiner Zeit ein unermüdlicher Mannschaftsspieler, redete sich, angesprochen auf die Reaktion von 1:0-Torschütze Santiago Ascacíbar (23.) bei dessen Auswechslung, in Rage. „Wenn einer runterkommt und so ein Gesicht zieht, das ist respektlos. Nicht gegenüber dem Trainer, sondern gegenüber der Mannschaft“, ärgerte sich der Ungar über den 24 Jahren alten Argentinier, der für Sami Khedira in der 57. Minute weichen musste und dabei wütend vom Feld stapfte und Dardai keines Blickes würdigte.

„Wunderbar, dass er ein Tor gemacht hat – aber soll ich mich bedanken bei ihm, oder was soll ich machen?“, fragte Dardai rhetorisch, der Ascacíbars Auswechslung taktisch begründete: „Wir hatten viele Standards. Sami ist kopfballstärker, außerdem brauchten wir mehr Ordnung auf dem Platz.“ Er sei nicht sauer, Ascacíbar habe gut gespielt, „aber das muss er verstehen“, ergänzte Dardai, der mit dem Blondschopf zunächst ein Vier-Augen-Gespräch führen will: „Was dabei rauskommt, werden wir sehen.“

Doch nicht nur Ascacíbars Verhalten war dem Ungarn ein Dorn im Auge. Seit zwei Monaten predigt er gewisse Grundtugenden, die im Abstiegskampf überlebenswichtig sind, stellt sich immer wieder vor seine Spieler – und wird dennoch fast Woche für Woche von drei, vier Profis enttäuscht. „Es funktioniert nur im Kollektiv. Das müssen manche noch begreifen“, warnte ein enttäuschter Khedira bereits direkt nach Abpfiff.

Auch Dardai kritisierte das Spiel seiner Elf in der ersten Halbzeit nach der frühen Roten Karte für Mönchengladbachs Torhüter Jan Sommer (12.). „Wir hatten keinen Spieler, der das in die Hand genommen hat. Jeder ist ein bisschen geschwommen, obwohl wir einer mehr waren. Egal, was man da reingerufen hat, das haben sie nicht kapiert.“

Mentalität statt Panik

Tatsächlich verloren sich Ascacíbar und Mattéo Guendouzi im Mittelfeld nach der Führung des Öfteren aus den Augen. Im Angriff suchten Dodi Lukébakio und Matheus Cunha zu oft gleichzeitig den Weg durch die Mitte, statt die Überzahl zu nutzen und das Spiel breit zu machen. Die Borussia nutzte Herthas Passivität und die angebotenen Räume geschickt, kam erst durch Alassane Plea (27.) zum Ausgleich, bevor der bis dahin souverän agierende Kapitän Niklas Stark völlig unnötig Gäste-Stürmer Marcus Thuram im Strafraum von den Beinen holte und bereits den achten Elfmeter in dieser Spielzeit verursachte (38.).

„Da wurden sie nervös. Das war 20 Minuten Chaos“, ärgerte sich Dardai und warnte, dass der Klassenerhalt nur durch „pure Arbeit, Mentalität und keine Panik“ zu schaffen sei. Ego-Trips mancher Spieler würden da nicht reinpassen. „Wenn du das nicht machst, dann gibt es ein böses Ende“, prophezeite er.

Dass Dardai dennoch hoffnungsvoll den anstehenden Wochen und den direkten Duellen gegen alle Tabellennachbarn entgegenblickt, liegt an der gezeigten Moral seiner Mannschaft. „Das sah in der zweiten Halbzeit nach Fußball aus. Das nehmen wir mit“, erklärte er. Dabei weiß er, dass bereits das kommende Auswärtsspiel in Mainz seinen Herthanern alles abverlangen wird: „Da ist Druck drauf. Das Spiel wird körperlich hart und bestimmt wehtun. Darauf müssen wir uns einstellen.“