Frankfurt - Sehr zügig hatte Pal Dardai inmitten des Schneeregens im Frankfurter Stadtwald identifiziert, dass Aufmunterung angesagt war. Also stakste der Hoffnungsträger bei Hertha BSC nach Spielende schnurstracks auf den durchweichten Rasen, um die körperliche Nähe zu den geschlagenen Protagonisten zu suchen. Der alte und neue Trainer klopfte auf viele Schultern und drückte zahlreiche Hände, um trotz des 1:3 bei Eintracht Frankfurt zu versichern: Hey Jungs, alles in Ordnung. Genauso klangen kurz darauf nämlich die verbalen Streicheleinheiten aus dem Presseraum der Arena: „Eigentlich war alles okay, nur das Ergebnis war nicht okay.“

Im ersten Spiel unter seiner Regie, so der bundesligaerprobte Berufsrealist, sei vieles Glückssache. Man solle das nicht falsch verstehen, sagte Dardai, 44: Er könne seinen Einstand nach erst vier Trainingseinheiten nur wie „ein Freundschaftsspiel“ bewerten, „jetzt können wir eine richtige Analyse machen und richtig arbeiten“. Die nächste Herausforderung für den um Selbstfindung bemühten Hauptstadtklub hat es allerdings in sich: Am Freitag stellt sich der Branchenprimus im Olympiastadion vor. „Ich weiß, dass Bayern München kommt – das ist auch schön. Da können wir alles geben“, erläuterte Dardai – und lachte sogar kurz. Danach könnten nur noch 14 Versuche bleiben, um die angeblich in seinem Vertrag vereinbarte Klausel zur Weiterbeschäftigung – 24 Zähler bis Saisonende – zu erreichen.

Angesichts solcher Herausforderungen kann Verstärkung nicht schaden: Wie das Fachmagazin kicker am Sonntag berichtete, soll Weltmeister Sami Khedira als sofortige Verstärkung kommen. Dardai hatte sich zwar am Samstag sich nicht zu nötigen Neuverpflichtungen äußern wollen, doch es ist ein offenes Geheimnis, dass Herthas Rekordspieler sein ehemaliges Hoheitsgebiet im zentralen defensiven Mittelfeld robuster ausstatten möchte. Fraglich ist, ob der 77-fache Nationalspieler, der nach der verkorksten WM 2018 aus der DFB-Auswahl zurücktrat, als sportliche Soforthilfe taugt. Zudem berichtete der kicker, dass Hertha seit Donnerstag um Milot Rashica, 24, Flügelflitzer bei Werder Bremen buhlt. Allerdings gestalten sich die Verhandlungen hier wohl schwieriger.

Störenfried Santiago Ascacibar

In Frankfurt besetzte Störenfried Santiago Ascacibar die strategisch wichtige Position als Mittelfeldabräumer: Der laufstarke, aber spielerisch limitierte Argentinier bot eine Leistung mit Licht und Schatten. Khedira würde mit seiner positiven Aura gut zu Dardai passen, der seiner Rückkehr ins Rampenlicht einiges abgewann.  „Es war eine schöne Sache. Ich hätte auch nach Székesfehérvár reisen können“, verriet der Ungar, seinen ältesten Sohn Palko beim Debüt in seiner alten Heimat für den ungarischen Spitzenklub Fehérvár gegen Honved Budapest beobachten können – aber die Rettungsmission für die Hertha, beteuerte der Nothelfer, „motiviert mich“. Gleichwohl ahnte er zum Einstand auch, wie mühsam dieses Unterfangen ist.

Dardai hatte in einem fast rührigen Tête-à-Tête mit Sportdirektor Arne Friedrich den Führungstreffer von Krzysztof Piatek (66.) bejubelt und begründete es so: „Ich habe mich für Krzysztof gefreut. Ich hatte vorher gesagt, dass er ein guter Stürmer ist.“ Doch nur 94 Sekunden später verschätzte sich Innenverteidiger Jordan Torunarigha bei einer Flanke von Filip Kostic und Eintracht-Torjäger André Silva köpfte umgehend den Ausgleich (67.). „Nach der Führung fehlte die Erfahrung, wie man mit einem 1:0 umgeht“, bemängelte der Hertha-Coach. Nach ganz ähnlichem Strickmuster ließ sich die „Alte Dame“ vom ausgerückten Frankfurter Abwehrchef Martin Hinteregger übertölpeln (85.). Der 16. Saisontreffer von Eintracht-Toptorjäger Silva (90.+5/ Foulelfmeter) war da schon gar nicht mehr der Rede wert.

Es scheint kein Selbstläufer, dass das Zurück-in-die-Zukunft-Projekt gut ausgeht. Am überraschendsten wirkte unter einem halben Dutzend Personalrochaden der Berliner Torwarttausch: Rune Jarstein hatte wohl selbst kaum mehr damit gerechnet, für den vergangenen Sommer vom SC Freiburg geholten Alexander Schwolow noch einmal den Vorzug zu bekommen. Dardais Begründung: „Alex ist ein guter Torwart, aber er hat kein Torwartglück gehabt. Jetzt macht er ein bisschen Pause. Rune hat es gut gemacht. Er tut der Mannschaft gut.“ Die sogar länger dauern könnte, weil der 36 Jahre alte Norweger Jarstein beim Saisondebüt rundweg überzeugte. Die bevorstehende Khedira-Verpflichtung ist ein Fingerzeig, dass es für den Turnaround mehr als einen routinierten Rückhalt zwischen den Pfosten braucht.