Berlin - Als Herthas Vereinsikone Pal Dardai am 25. Januar zum zweiten Mal den Job als Cheftrainer übernahm, erklärte er gleich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt: „Die Situation ist viel schwieriger als 2015. Normalerweise braucht man sechs Wochen Vorbereitung als Trainer, bevor die Saison losgeht. Die haben wir nicht.“ Dardai musste einen schweren Spagat üben: die rätselhafte Lethargie und Ideenlosigkeit im Team beenden und gleichzeitig Punkte sammeln. Die Chance auf Zähler gegen die Top Vier der Bundesliga Eintracht Frankfurt, FC Bayern, RB Leipzig und den VfL Wolfsburg wurde erwartungsgemäß nicht erfüllt. Was aber doch positiv überraschte – Hertha war in allen Spielen ein ebenbürtiger Gegner, der immer bis zum Schlusspfiff kämpfte.

Die Handschrift des Trainers ist zu erkennen. Pal Dardai hat analysiert, seziert, transformiert, motiviert und sein Team in den vergangenen sechs Wochen auf den Kampf im Abstiegs-Showdown vorbereitet. Sonnabend, um 15.30 Uhr ist im Olympiastadion der Anpfiff für den Saisonendspurt gegen den Tabellenkonkurrenten FC Augsburg.

Arne Friedrich nimmt die Hertha-Spieler in die Verantwortung

Alle wissen es, doch viel darüber reden ist nur kontraproduktiv. Dardai selbst sagt: „Wir dürfen jetzt gegen Augsburg nicht verkrampfen, nicht nervös sein. Wir müssen weiter marschieren.“ Auch Sportdirektor Arne Friedrich betont: „Egal wie das Spiel ausgeht, danach ist die Liga noch nicht entschieden.“ Es ist eine verbale Sicherungsmaßnahme. Denn jedem im Verein ist klar, dass nach einer zehnten Niederlage in Serie die Häme, die Enttäuschung, die Unruhe und die Selbstzweifel in der Mannschaft wieder anwachsen könnten, die gerade mühevoll beseitigt wurden.

Die Mannschaft hat sich selbst dieses Stigma aufgebaut. Bei Dardais Vorgänger Bruno Labbadia wurde auch gut gegen die Großen mitgehalten. Doch gegen die Kleinen gab es regelmäßig bittere Enttäuschungen. Eine Wiederholung wäre fatal für alle. Deswegen sagt Friedrich: „Wir können die Tabelle lesen, haben ein ganz klares Ziel. Es wird kein einfaches Spiel. Aber die Spieler wissen Bescheid, sie sind in der Verantwortung. Wir befinden uns im Abstiegskampf. Wir müssen gegen Mannschaften wie Augsburg gewinnen.“

Doch es ist nicht einfacher geworden. Der Verein ging bei der Verpflichtung von Sami Khedira ein hohes Risiko ein. Trotz seines fortgeschrittenen Alters von 33 Jahren und der Tatsache, dass der Rio-Weltmeister über ein Jahr lang wegen zwei schwerer Verletzungen nicht mehr regelmäßig bei seinem ehemaligen Verein Juventus Turin gespielt hatte, wurde er als verlängerter Arm des Trainers installiert, um Ordnung in die Mannschaft zu bringen. Doch jetzt ist Khedira schon wieder verletzt. Er fehlt genau wie Offensivkünstler Matheus Cunha wegen einer Muskelverletzung gegen Augsburg.

Doch selbst diese Hiobsbotschaften können den erfahrenen Dardai nicht erschüttern. Der Trainer hält erst mal an dem fest, was er intern erreicht hat und noch nicht in Tabellenpunkten sichtbar wurde. „Wir haben in den vergangenen Wochen sehr viele taktische Dinge gemacht. Das war nicht wenig für die Jungs. Jeder hat ordentlich mitgemacht. Als ich angefangen habe, hat man nicht so den Teamgeist gesehen. Doch der war innerhalb von ein paar Tagen top.“

Pal Dardai hat „80 Minuten die Arschbacken zusammengehalten“

Der Ungar betont dabei aber immer wieder, dass seine erste Amtszeit mit der jetzigen nicht zu vergleichen ist. „2015 hat man den ganzen Verein wie ein eigenes Kind behandelt. Da war die ganze Entwicklung eine andere Philosophie, sehr viel mit Nachwuchsspielern, mit der Akademie. Jetzt ist es anders. Der Verein hatte große Wünsche und sich nach meinem Geschmack ein bisschen von null auf hundert verplant. Und jetzt muss man sich retten. Es ist schwierig zu arbeiten. Aber wir können da mit Unterstützung aller rauskommen.“

Der Vergleich kommt mit dem Gegner auf und beinhaltet ein bisschen Hoffnung. Damals gewann Dardai sein drittes Spiel gegen Augsburg glücklich mit 1:0. „Ich habe 80 Minuten die Arschbacken zusammengehalten. Salomon Kalou hat das Tor gemacht, obwohl wir den Sieg nicht verdient hatten“, erinnert sich Dardai. Dieses Spielglück damals war die Wende in der Krise, Hertha verlor keines der darauffolgenden sechs Spiele.

Ein anderer Vergleich ist aktueller: Mit Dardais Vorgänger Labbadia schaffte Hertha in der Hinrunde einen 3:0-Auswärtssieg beim FCA und holte danach gegen Dortmund, Leverkusen, Union und Gladbach immerhin fünf Punkte, um dann so richtig in die Krise zu geraten. Diese Wiederholung würde den Abstieg bedeuten.