Berlin - Vor einigen Tagen traf ich auf die beiden ehemaligen Hertha-Profis Maik Franz und Sami Allagui, die gerade mit einer originellen virtuellen Aktion das Kinder-und Jugendhilfswerk „Die Arche“ unterstützen. Natürlich kamen wir auf den Zustand der aktuellen Mannschaft von Hertha BSC zu sprechen. Maik Franz, der einst 192 Erstligaspiele bestritt, war der Meinung: „Das wird eine sehr enge Kiste für Hertha.“

Hertha zeigt ein anderes Gesicht

Selbst Trainer Pal Dardai („Diese Spieler waren für andere Träume ausgesucht“) oder Sportdirektor Arne Friedrich („Der Kader ist nicht für den Abstiegskampf ausgerichtet“) äußerten sich vor Wochen ähnlich. Nun zeigte das Team aber beim jüngsten 3:0 gegen Bayer Leverkusen endlich das Gesicht von elf Abstiegskämpfern, spielte mutig und aggressiv. Man konnte beinahe meinen, es wären elf Dardais auf dem Platz, weil der Trainer einst als Profi alle Tugenden in sich vereinte, die man in solch prekärer sportlicher Situation besitzen muss.

Ich frage mich aber: Welcher Typ Profi ist denn eigentlich für den nervenaufreibenden Abstiegskampf geeignet? Müssten das nicht alle hochbezahlten Spieler sein? Oder sollte man wenigstens einmal oder besser mehrmals abgestiegen sein, um als besonders tauglich zu gelten?

Oder muss man  in Mannschaften gestanden haben, die permanent im Tabellenkeller ums Überleben kämpfen? Gilt die These: Unbekanntere Spieler haben es leichter, in Duellen um den Klassenerhalt zu bestehen, weil man von ihnen keine Wunderdinge erwartet, wie aber bei Hertha von den teuren Profis Lucas Tousart, Krzysztof Piatek, Dodi Lukebakio oder Matheus Cunha, die allesamt hohe Ablösesummen kosteten?

Es heißt immer: Hertha fehlen abstiegskampferfahrene Spieler. Es gibt sie aber in kleiner Zahl. Lukas Klünter und Jhon Cordoba kämpften einst mit dem 1. FC Köln um den Klassenerhalt, stiegen aber ab. Santiago Ascacibar machte die bittere Erfahrung eines Abstiegs mit dem VfB Stuttgart und Marvin Plattenhardt mit dem 1. FC Nürnberg. Stürmer Krzysztof Piatek stieg in seiner Anfangszeit als blutjunger Profi mit Zaglebie Lubin aus der polnischen Ekstraklasa ab und sofort wieder auf. Das war es aber auch schon.

Maik Franz stieg gar dreimal – mit dem Karlsruher SC, Eintracht Frankfurt und Hertha BSC – aus der Ersten Liga ab, obwohl er sich als beinharter Verteidiger stets vehement dagegen stemmte. „Das ist nicht das Kriterium, um abstiegskampftauglich zu sein“, sagte mir der 39-Jährige. „Die bittere Erfahrung eines Abstiegs macht dich nicht später automatisch fit für den extremen Druck ganz unten.“

Maik Franz hält mentale Stärke und Teamgeist für entscheidend

Mentale Stärke und Teamgeist sind entscheidend. Da waren Maik und ich uns sofort einig. Schwierig wird es, wenn sich die Mannschaft nach Rückschlägen hängen lässt, die Lage immer aussichtsloser erscheint. Dann, so Franz, kommen auch Nebengeräusche hinzu, weil Berater und andere Vereine die besten Profis kontaktieren und Jobs für die neue Saison offerieren. Dann fehle bei dem einen oder anderen der „letzte Biss“. Man müsse im knallharten Abstiegskampf als Profi „alles raushauen, was man hat“, so Maik Franz.

Was mich optimistisch stimmt nach dem Sieg gegen Leverkusen: Vor dem Anpfiff war die Drucksituation extrem hoch. Die Mannschaft musste nach dem Sieg des unmittelbaren Konkurrenten Mainz 05 in Hoffenheim nur eine Viertelstunde zuvor zum ersten Mal als Tabellen-Vorletzter antreten. Dardai hatte das Team allerdings schon Tage zuvor auf diese psychologisch dramatische Ausgangslage vorbereitet und verriet sein Rezept im Abstiegskampf, das er sich einst bei Trainer Hans Meyer in der Saison 2003/04 abgeschaut hatte: „Ehrliche Kritik, eine klare Linie und ruhig bleiben in schweren Zeiten.“ Damals unter Meyer sicherte sich Hertha erst am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt. Das würde auch in dieser Spielzeit reichen.