Berlin - So richtig in Worte fassen konnte Bruno Labbadia das am Abend zuvor Geschehene noch nicht. Nach einer kurzen Nacht sei die Enttäuschung über die desolate Leistung seiner Mannschaft beim 0:1 (0:0) bei Aufsteiger Arminia Bielefeld „noch schlimmer“, erklärte Herthas Cheftrainer. Der Ärger bei Labbadia und Hertha BSC  ist besonders groß, „weil uns bewusst ist, welche Chance wir liegen gelassen haben“. Zum einen wähnten sich die Berliner nach dem geglückten Jahresauftakt gegen den FC Schalke 04 bereits auf einer Aufholjagd. Noch tiefer sitzt der Stachel, weil Hertha mal wieder ein Spiel „aus eigenem Verschulden hergegeben hat“, wie Labbadia feststellte. Die Konsequenz: Statt zum Ende der Vorrunde nach Europa zu schielen, stecken die Blau-Weißen mal wieder im Abstiegskampf. Lediglich fünf Punkte trennen Labbadias Team noch vom Relegationsplatz.

Blutleerer Auftritt

Eine Erklärung für den blutleeren Auftritt seiner Spieler hatte der Trainer nicht parat. Alle Anzeichen nach der kriselnden Weihnachtszeit seien positiv gewesen. „Wir hatten berechtigte Hoffnungen, dass wir ein gutes Spiel machen. Wir haben gut trainiert und Bielefeld spielte so, wie erwartet. Die Mannschaft wusste genau, was auf sie zukommt“, sagte Labbadia. Doch nach zehn ordentlichen Minuten und zwei Halbchancen durch Mittelstürmer Jhon Cordoba passierte das, was diese Saison bei Hertha BSC schon so häufig passierte: Erst verloren Labbadias Spieler den Faden, dann ließen sie sich von einem zwar entschlossen zu Werke gehenden, aber qualitativ nicht ansatzweise so gut besetzten Gegner viel zu leicht den Schneid abkaufen. „Wir hatten zu wenig Spieler, die Bälle gefordert haben. Teilweise war auch Angst dabei. Warum auch immer“, erklärte Labbadia. 

Sinnbildlich dafür war der Treffer des Abends von Bielefelds Reinhold Yabo (64.). Zwar agierte Hertha bei einem Einwurf kurzzeitig in Unterzahl, besser verteidigen muss man die Szene dennoch. „Das Tor war viel zu billig. Dabei haben wir genau vor diesen langen Einwürfen gewarnt. Das war Teil unserer Analyse“, ärgerte sich entsprechend Labbadia. Rekordeinkauf Lucas Tousart schien dennoch überrascht, sodass er den in den Strafraum geworfenen Ball lediglich in die nächste Gefahrenzone verlängerte, in der sich Yabo den Ball erst schnappte und ihn dann sehenswert aus der Drehung in den Winkel drosch.

So sehr Labbadia das Messer in der Tasche aufzugehen scheint, ratlos ist er angesichts solcher eklatanten Fehler, die sich wie ein roter Faden durch Herthas Saison ziehen, nicht. „Wir haben in dieser Saison scheiße viel liegen lassen, sind nun im Dreck gelandet und müssen wieder aufstehen. Ich muss meinen Frust und Ärger loswerden und dann wieder nach vorne schauen“, erklärte er. Dabei wisse er aufgrund seiner Erfahrung, dass nun Fingerspitzengefühl nötig sei. Tatsächlich wird es für Labbadia angesichts der Leistung seiner Mannschaft und der stets beteuernden Worte seiner Spieler, dass sie die Zeichen der Zeit erkannt hätten, in den kommenden Wochen ein Spagat. Einerseits ist eine erneute Standpauke nötig. Anderseits muss er seine Spieler und deren Glauben an den gemeinsamen Weg stärken. „Wir werden in unserer Analyse den Spielern klar aufzeigen, dass man Spiele nur gewinnen kann, wenn man das Maximum aus sich herausholt“, kündigte Labbadia an.

Ob das gelingt oder ob sich Hertha BSC tatsächlich erneut auf Abstiegskampf einstellen muss, wird sich bereits am Sonnabend in Köln zeigen. In der Domstadt herrscht nach dem 0:5 in Freiburg ebenso große Alarmstimmung wie bei den Berlinern. Umso bitterer ist aus Hertha-Sicht, dass der bereits auf der Alm schmerzlich vermisste Kreativkopf Matheus Cunha wohl weiter fehlen wird. Der Brasilianer leidet seit längerem und nicht zum ersten Mal in seiner Karriere unter hartnäckigen Leistenproblemen. Im schlimmsten Fall droht ihm sogar eine Operation. „Wir müssen abwarten, was die Ärzte sagen“, erklärte Labbadia, wohlwissend, dass ein längerer Ausfall Cunhas die ohnehin brenzlige Situation weiter verschärfen würde. Denn der biedere Auftritt in Bielefeld bewies auch, dass Herthas im vergangenen Jahr teuer zusammengestellte Kader bisher nicht in der Lage ist, das von Cunha hinterlassene kreative Vakuum zu füllen.