Den zurückliegenden Sonntag verbrachte ich in der Messehalle 20 am Funkturm. Die brisante Mitgliederversammlung von Hertha BSC stand an. Erst nach siebeneinhalb Stunden war Schluss, was beinahe eine neue „Bestleistung“ brachte. Nur im Mai 2012 dauerte die Vollversammlung noch einen Tick länger. Damals tagte man im ICC. Beginn: 19 Uhr, Ende: 02.50 Uhr!

Dennoch brachte der Sonntag zwei Rekorde: Rund 2800 Mitglieder waren gekommen und es gab sieben Abwahlanträge gegen den allerdings Tage zuvor zurückgetretenen Präsidenten Werner Gegenbauer und das komplette Präsidium.

Häuptlingsschmuck für Manfred Zemaitat

Das erlebt man als Reporter nicht alle Tage, obwohl ich seit Anfang der 1990er-Jahre bei etwa 60 Versammlungen der Hertha-Gemeinde dabei war. Präsidenten wurden lautstark gestürzt, andere ins Amt gehievt. Eine Präsidenten-Kür habe ich sehr plastisch vor Augen, obwohl sie lange zurückliegt. Mitte der 1990er-Jahre stülpte der einstige Oberfan und Fanartikelhändler „Pepe“ Mager dem gerade gewählten Präsidenten Manfred Zemaitat einen riesigen Häuptlingsschmuck eines Indianers über den Kopf. Das Foto druckten alle Zeitungen.

Damit bin ich beim Stichwort Präsident und der aktuellen Suche nach einem neuen „Ersten Mann“. Auf Zemaitat, einem Rechtsanwalt, folgten später der Berliner Mercedes-Chef Walter Müller, der Medienmanager Bernd Schiphorst und der Unternehmer Werner Gegenbauer, der nach 14 Jahren im Amt zurückgetreten ist. Am 26. Juni soll der neue Präsident gekürt werden. Der gerade neu gewählte Aufsichtsrat um Chef Torsten-Jörn Klein muss die Bewerber beurteilen oder auch selbst nach Alternativen fahnden. Bislang hat nur Kay Bernstein seinen Hut in den Ring geworfen. Der 41-Jährige ist Eigentümer einer Veranstaltungs- und Kommunikationsagentur, war einst vor vielen Jahren ein Hertha-Ultra der ersten Stunde und Capo in der Ostkurve – eine sehr spezielle Vita. Unter dem Motto „Wir Herthaner“ hat er zahlreiche Anhänger hinter sich versammelt.

Mich haben zuletzt einige Anrufe von Hertha-Anhängern zum Thema erreicht. Eine der Ideen: Man solle etwa Hertha-Legende Erich Beer zum Boss küren, der vor allem repräsentiert und starke Helfer an seiner Seite haben muss. Das ist durchaus charmant, wird aber ein Wunschtraum einzelner Alt-Herthaner bleiben.

Aus der Generation der Profis, die 1999 in der Champions League für Aufsehen sorgten, fiel mir spontan nur ein Kandidat ein: Mittelfeldmann Andreas Schmidt. Der wurde am Sonntag mit den meisten Stimmen aller Bewerber erneut in den Aufsichtsrat gewählt. Ein beliebter Mann mit fußballerischer und wirtschaftlicher Kompetenz, der schon als junger Profi die Finanzmärkte studierte. Doch der 48-Jährige schloss aus zeitlichen und beruflichen Gründen ein Mitwirken auch im Präsidium erst einmal aus.

Mir selbst schwebt eine Persönlichkeit vor, die in Berlin bekannt und unabhängig, aber vor allem charismatisch ist. Ich weiß, ich ernte jetzt viel Kritik: Aber mir fiel der ehemalige Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, ein, der seit 2004 die Mitgliedsnummer 50 bei Hertha besitzt. Auch dieser Gedanke wird beim Aufsichtsrat kein Gehör finden.

Hertha-Präsident muss vor allem alle im Verein einen

Ich habe noch einmal versucht, ernsthaft aufzulisten, wie das Profil des neuen Präsidenten aussehen könnte: Er sollte einen guten, starken Charakter besitzen und muss verbindend sein, also die unterschiedlichen Gruppen im Verein – die Profiabteilung, die Geschäftsstelle, die Abteilungen sowie die Fans und Mitglieder – vereinen und unter einen Hut bringen.

Er muss die Weichen stellen für eine strukturelle und personelle Aufstellung der Geschäftsstelle, er muss eigene Eitelkeiten hintanstellen und gewillt sein, alles im Sinne von Hertha zu tun. Das erfordert Größe! Und, er sollte sich möglichst im „Hause Hertha“ und den Gremien auskennen sowie Managementerfahrung besitzen und kommunikativ sein. Wer all das kann – bitte sofort beim Aufsichtsrat melden!