Stuttgart/Berlin - Pal Dardai hatte bereits vor der Abreise in Berlin kein gutes Gefühl. So sehr er es auch versuchte, an viele erfolgreiche Auftritte in Stuttgart konnte sich der Ungar partout nicht erinnern. „Wenn wir ehrlich sind, wie oft hat Hertha BSC in Stuttgart schon gewonnen?“, fragte Dardai. Tatsächlich waren blau-weiße Fahrten an den Neckar bisher von wenig Erfolg gekrönt. Bereits als Profi sprangen für Herthas Rekordspieler dabei in zwölf Spielzeiten nur zwei Siege heraus. Als Trainer liest sich die Ausbeute noch bescheidener: In seiner ersten viereinhalbjährigen Amtszeit holte Dardai bei vier Fahrten in die schwäbische Metropole lediglich ein mageres Pünktchen.

Dass bei der jüngsten Dienstreise durch das  1:1 (0:1) immerhin ein Zähler auf Herthas Konto landete, stellte Dardai insbesondere nach zwei völlig unterschiedlichen Hälften  zufrieden. „Die erste Halbzeit haben wir verschenkt. Wir waren wohl auch wegen unserer Situation wie gelähmt. In der zweiten Halbzeit war dann sogar mehr drin. Das Remis ist okay“, erklärte Dardai zu seinem ersten Punktgewinn im dritten Spiel direkt nach Abpfiff bei Sky. 

Im Vorfeld probierte Dardai trotz der bedrohlichen Lage den Druck von seiner Mannschaft zu nehmen. Stattdessen verteilte er Lob, wie vorbildlich seine Spieler unter ihm arbeiten würden. Dabei ersetzte wie erwartet Omar Alderete Jordan Torunarigha, der sich bei Herthas knapper 0:1 Niederlage gegen den FC Bayern eine schwere Hüftprellung zuzog. Ansonsten wechselte Dardai nur ein weiteres Mal: Matteo Guendouzi rückte für Vladimir Darida in die Startelf. Somit nahmen die beiden Zugänge Nemanja Radonjic und Sami Khedira wie schon in der Vorwoche zunächst auf der Ersatzbank Platz.

Rückstand nach Video-Beweis

In Stuttgart wollte man trotz eingangs erwähnter magerer Ausbeute natürlich auf Sieg spielen, wenngleich bereits in den ersten Minuten zu erkennen war, auf welche Weise die zu vergebenen drei Zähler nach Berlin wandern sollten: Wie schon in Frankfurt und gegen Bayern probierte Dardai die Defensive zu stabilisieren. Nach Ballgewinn sollte es zügig per Umschaltspiel vor das Tor der Gastgeber gehen. Tatsächlich wurde in den ersten 30 Minuten vor allem eines: gekämpft und geklammert und somit auch zwangsweise viel gefoult.

Dabei gewann der VfB gegen Ende des ersten Abschnitts die Oberhand. Vor allem Stuttgarts Stürmer Sasa Kalajdzic hatte mehrfach die Führung auf dem Fuß und Kopf, scheiterte jedoch am Außennetz oder an Herthas Torwart Rune Jarstein (30./34./38./40.).

Während alle Hertha-Fans vergebens auf eigene Chancen hofften, kam es kurz vor der Pause, wie es kommen musste: Hertha geriet in Rückstand. Kalajdzic kam nach einem Freistoß aus dem Halbfeld völlig frei aus rund zehn Metern zum Kopfball. Pech hatten die Berliner, da lediglich die Hacke von Stürmer Krzysztof Piatek verhinderte, dass der zwei Meter große Österreicher nicht im Abseits stand. Nach rund zwei Minuten erkannte dies auch der Video-Assistent, nachdem das Schiedsrichtergespann den Treffer zunächst nicht anerkannte.

Netz fährt nicht Ferrari 

Um doch noch die dürftige Bilanz in Stuttgart zu verbessern, musste von Hertha BSC mehr kommen. Dardai verzichtete dennoch zunächst auf frische Kräfte. Nachdem aber auch weitere 12 Minuten ohne nennenswerte Verbesserung verstrichen, brachte Herthas Trainer für Santiago Ascacibar und Piatek Khedira und Außenstürmer Radonjic. 

Und siehe da, plötzlich ging ein Ruck durch Herthas Mannschaft. Nur eine Minute nach dem Doppelwechsel hatte Matheus Cunha den Ausgleich auf dem Fuß. Den feinen Lupfer des Brasilianers über Stuttgarts Torhüter Gregor Kobel klärte VfB-Verteidiger Waldemar Anton in höchster Not, aber noch vor der Linie.  

Dennoch dauerte es bis zur 82. Minute, bis Hertha endlich jubeln durfte: Youngster Luca Netz traf nur zwei Minuten nach seiner Einwechslung. Der 17-jährige Linksverteidiger wurde dabei von Khedira bedient, dessen Flanke Netz im Strafraum mit viel Entschlossenheit und etwas Glück mitnahm und den Ball aus wenigen Metern über die Linie und zum 1:1 Endstand drückte. Damit sicherte der in Berlin-Buch geborene Blondschopf nicht nur Hertha einen Punkt, sondern trug sich auch als jüngster blau-weißer Bundesliga-Torschütze in die Geschichtsbücher ein. 

Abheben wird Netz deswegen wohl nicht. „Mit den Wechseln haben wir die richtigen Entscheidungen getroffen. Luca ist ein guter Junge und wird nächste Woche nicht mit dem Ferrari vorfahren. Das schätzen wir an ihm“, scherzte Dardai und forderte für das kommende schwere Spiel gegen RB Leipzig: „Wir brauchen zwei solche Hälften.“