Im Sommer saß Pal Dardai auf einer Holzbank, Österreich, die schöne Steiermark, ein kleines Fußballstadion, in dem die Spieler von Hertha BSC gerade noch der neuen Bundesligasaison entgegenschwitzt hatten, und hinter ihm pikste der Dachstein den wolkenlosen Himmel, ein 2995 Meter hoher Gletscher. Eine bessere Kulisse konnte es nicht geben für die schwindelerzeugenden Worte, die der Trainer wählte, um seine sportlichen Ziele zu bescheiben.

Dardai wollte vieles anders und alles besser machen. Er wollte mutig und offensiv spielen lassen, mehr Punkte sammeln und, als wäre das nicht schon zu hoch gegriffen, auch noch ins Pokalfinale einziehen. Was er da sagte, schien unerreichbar zu sein. Wenn die Gegenwart eine Talfahrt ist, fällt es nun mal schwer, sich die Zukunft als Bergwanderung vorzustellen. Hatte Hertha nicht gerade erst vor ein paar Wochen den Absturz in die Zweite Liga verhindert?

Halb Spieler, halb Trainer

Am Sonnabend ist Dardai, 39, zum Berliner Trainer des Jahres gewählt worden. Er hat nur elf Monate dafür gebraucht. Erst im Februar hat Herthas Rekordspieler, Fanliebling, das kantige Gesicht der Vereinsfolklore den Job übernommen. Im Dezember hat seine Beliebtheit einen neuen Höhepunkt erreicht. Nach dem Heimsieg gegen Leverkusen steht Hertha auf dem vierten Tabellenplatz. Die Abstiegssorgen sind den Europapokalträumen gewichen.

Fragt man Dardai, ob Hertha jetzt endlich mal wieder ein Spitzenteam sei, verneint der Ungar und sagt: „Wir sind eine fleißige Mannschaft.“ Und in diesem Fall muss man das Wir wörtlich nehmen. Dardai ist nämlich halb Trainer, halb Spieler, erst vor dreieinhalb Jahren hat er seine Profikarriere beendet. Er besaß mehr Fleiß als Talent. Das lebt er vor. Fußball ist für ihn zuerst ein Kampfsport, dann kommt die Spielkultur. Zurzeit vereint Hertha das Beste aus beiden Welten.

Dardai hat eine besondere Nähe zu seiner Mannschaft entwickelt. Er kennt den Kumpelkabinenton und ist trotzdem eine Respektperson, die lautstark auf Distanz geht, wenn es nicht so läuft, wie er es sich vorstellt. Seine Ansprachen haben nie etwas Fußballoberlehrerhaftes. Die Spieler schätzen die Klarheit seiner Sprache, die hier und da ins Pathetische kippt. Bei seiner Vorstellung las Trainer sagte er etwa: „Ich habe ein ungarisches Herz und blauweißes Blut.“

Noch drei Spiele sind es bis zur Winterpause, zwei Mal Liga, ein Mal Pokal, und erst danach will Pal Dardai seine Jahresbilanz ziehen. Prognose: Er sieht sich höchstens auf der Mittelstation.