Manfred Sangel ist nervös. Immer wieder zupft er an seinem T-Shirt, setzt die Kopfhörer auf und ab, fummelt am Regler des Regie-Pultes. Der 59-Jährige, seit Jahrzehnten treuer Anhänger von Hertha BSC, ist aufgeregt wie selten zuvor in seiner Karriere als Chef des beliebten Fan-Radios mit dem Namen „Hertha-Echo“.

Es ist Sonnabend, der 16. Februar. Die Uhr im Saal des großzügigen Tonstudios von „Alex – dem Offenen Kanal Berlin“ nahe der U-und S-Bahn-Station Warschauer Straße, zeigt halb elf. Die letzte Sendung nach exakt 30 Jahren – die 653. Ausgabe – soll von elf bis dreizehn Uhr über die Bühne gehen. Dieses Mal nicht im engen Studio, sondern im Saal – live vor Publikum. Gut 100 Gäste sind eingeladen: Fans aus der Ostkurve und vom Oberring, ehemalige Profis, die Geschäftsleitung von Hertha, die Fanbeauftragten und einige Journalisten.

Um kurz nach halb elf klingelt am Regiepult plötzlich das Telefon. Niko Kovac meldet sich aus München. Er war einst als Hertha-Profi gern gesehener Gast bei Manfred Sangel am Mikrofon. Der hatte ihm den Termin der Abschiedssendung genannt. Kovac ist zu früh, er soll ja live zugeschaltet werden. Der Cheftrainer von Bayern München bleibt gelassen und sagt: „Ich melde mich später wieder, werde dann einfach mal das Training kurz unterbrechen!“

Niko Kovac ruft an

Jürgen Keiser, zweiter Moderator und Sangels rechte Hand, ist erleichtert. Auf Kovac ist Verlass! Der gebürtige Berliner aus der Turiner Straße im Wedding ist trotz seiner ungeheuren Popularität und Verantwortung der bodenständige Mitstreiter von einst geblieben.

Nach und nach treffen die Gäste ein. Es gibt Sekt in Plastebechern zur Begrüßung. Manager Michael Preetz ist da, auch Finanzchef Ingo Schiller und Vorstand Paul Keuter. Präsident Werner Gegenbauer trifft ein. Aufsichtsratschef Torsten-Jörn Klein, einer der ersten Besucher im Saal, hat sich schon lange unter die Fans gemischt. Manfred Zemaitet, Hertha-Präsident in schwierigen Zeiten, von 1994 bis 1998, schwelgt in Erinnerungen. Auf Videos sind Ausschnitte aus der Gründerzeit des Fanradios zu sehen. Sangel im Interview mit Reiner Calmund, Sangel mit Entertainer und Kultsänger Frank Zander, Sangel mit Trainer Jürgen Röber.

Deutschlands erstes Fanradio im Profifußball entstand aus Verärgerung seiner späteren Macher. „Ende der Achtzigerjahre ging es Hertha nicht gut. Wir dümpelten in der Zweiten Liga herum, meist wurde nur negativ über den Verein berichtet. Das wollten wir ändern“, erzählt Sangel, der sich schon auf ein frisches Bier freut. „Aber erst nach der Sendung!“

Als er 1988 den damaligen Hertha-Manager Horst Wolter, genannt Luffe, einst deutscher Nationaltorhüter mit 13 Einsätzen, sein Projekt eines Fanradios vorstellte, fragte der nur: „Was soll das Hertha denn kosten?“ Sangels knappe Antwort: „Nüscht!“

Am 16. Februar 1989 ging das Programm zum ersten Mal auf Sendung. Gäste waren Wolter, Cheftrainer Werner Fuchs und der Profi Dirk Kurtenbach. Zwei Tage zuvor hatte die Mannschaft in der Zweiten Bundesliga 3:0 gegen Fortuna Köln gewonnen. Lediglich 4 646 Zuschauer hatten sich im Olympiastadion versammelt und sahen Treffer durch Kurtenbach, Kapitän Dirk Greiser und Torjäger Theo Gries. Am Ende blieb nur Platz 13, erst in der folgenden Spielzeit 1989/90 stieg Hertha wieder in die Erste Bundesliga auf. Das Hertha-Echo war mittendrin.

Axel Kruse kommt

Der baumlange Dirk Greiser, heute Rechtsanwalt, ist inzwischen im Sendesaal erschienen, auch Stürmer Gries, der oft mit „Theo! Theo!“-Rufen gefeiert wurde, ist da. Und Axel Kruse. Später vervollständigen Ante Covic und Andreas Schmidt die Riege der ehemaligen Profis. Aus dem aktuellen Kader taucht Torhüter und Fanliebling Marius Gersbeck auf, der nicht im 18er-Kader für das Spiel gegen Werder Bremen steht.

Die letzte Sendung läuft, und Sangel ruft ins Mikrofon: „Ich glaube, wir sind der einzige Radiosender, der alle seine Hörer eingeladen hat!“ Das stimmt natürlich nicht, denn die Sendung, die alle 14 Tage an jedem Donnerstag lief, hatte durchaus ein großes Stammpublikum.

Es gab viele Höhepunkte. Zur 500. Sendung fuhr plötzlich der Mannschaftsbus im alten Studio in der Voltastraße im Wedding vor, die komplette Mannschaft kam zum Gratulieren und stürzte sich nach dem Training auf das rustikale Büfett. Beim 125. Geburtstag des Vereins im Juli 2017 sendete das Hertha-Echo 12,5 Stunden nonstop – eine irre Leistung.

Nun aber geben die Macher auf. Sie sind ein wenig in die Jahre gekommen. Der eine oder andere plagt sich mit gesundheitlichen Problemen herum. „Wenn ich das Gefühl habe, dass wir zu einem Senioren-Echo werden, dann hören wir auf“, sagte Sangel vor einiger Zeit. Der Abteilungsleiter einer Zeitarbeitsfirma benötigte mit seinem Stab, in dem auch viele Frauen mitwirkten, gut zwölf bis fünfzehn Stunden, um eine Sendung vorzubereiten. Ein großer Aufwand.

Konkurrenz durchs Internet

Es ist aber nicht das Alter allein, das zum Ende der Sendung führte und Hertha damit ein Alleinstellungsmerkmal verliert. Die rasanten Veränderungen im Mediengeschäft und im Profifußball spielen dabei die Hauptrolle. Interviewpartner sind für die Freizeitreporter durch die strengen Regeln der Deutschen Fußball-Liga (DFL) nur schwer zu bekommen. Die Protagonisten von heute sind oft mit ihren eigenen Aktivitäten auf den Social-Media-Kanälen beschäftigt, haben kein großes Interesse, zum Fanradio zu gehen. Inzwischen gibt es auch zahlreiche Podcasts, die über den Verein berichten. Und Hertha BSC selbst bedient auf Twitter, Facebook oder im Klub-TV das Bedürfnis der Fans nach Informationen aus dem Innenleben des Vereins.

Inzwischen hat sich auch Präsident Gegenbauer ans Mikrofon begeben. Er verkündet, dass die Macher des Fanradios auf der nächsten Mitgliederversammlung geehrt werden sollen. Der Beifall ist groß. Mitten in der Sendung meldet sich tatsächlich erneut Niko Kovac per Telefon. Er habe die Analyse nach dem Training in der Säbener Straße unterbrochen. „Schade, dass ihr aufhört“, sagte der Bayern-Coach, „ihr habt 30 Jahre eine tolle Arbeit geleistet.“

Rechtzeitig vor dem Ende der letzten Sendung trifft dann auch Frank Zander ein. Er ruft die gesamte Mannschaft der Radiomacher zu sich auf die kleine Bühne. Als alle gemeinsam die Hymne „Nur nach Hause …“ inbrünstig singen, fließen Tränen. „Ich glaube, wir haben nicht viel falsch gemacht“, ruft Manfred Sangel zum Abschied in den Saal. Dann versagt ihm die Stimme.