Du! Jetzt! Markus Gellhaus, der für Spielerwechsel zuständige Assistenztrainer, sprang plötzlich von der Bank auf, sprintete ein paar Schritte nach vorn, noch schneller als sonst, streckte dann Arm und Zeigefinger aus, deutete auf Salomon Kalou, der gerade noch seine Warmlaufrunden drehte – du!

Mit nur einem Tor lag Hertha BSC gegen den FSV Mainz 05 zurück, in einem seltsam leblosen, durch Taktik übersättigten Spiel, das in der ersten Halbzeit einen absoluten Tiefstand an Höhepunkten erreicht hatte, da wurde es endlich Zeit. Zeit für einen zweiten Mittelstürmer, einen künstlerisch begabten Spieler wie Salomon Kalou. Fußballhandwerker gab es zu diesem Zeitpunkt wahrlich mehr als genug auf dem Platz.

Dass Kalou, der im letzten Moment noch durchs Transferfenster geklettert war, sich für Hertha entschieden hat, hat viele bis alle überrascht. Selbst Jos Luhukay hatte in den vergangenen beiden Wochen immer wieder betont, wie ungewöhnlich es doch ist, dass einer, der vor zwei Jahren mit dem FC Chelsea die Champions League gewonnen hat, nun für Hertha seine Tore schießen will. In einem Stadion, wo Anfang Juni zwar wieder Europas beste Mannschaft ermittelt wird, wo es Mitte September aber erst mal darum ging, das erste Saisonspiel zu gewinnen. Noch zwanzig Minuten – jetzt!

Um 16.56 Uhr also betrat Kalou erstmals nach seinem Wechsel vom OSC Lille nach Berlin den Platz. Ein paar Anweisungen und drei sanfte Popoklapse hatte er von Luhukay auf den Weg bekommen, dann sortierte er sich ins Spiel ein. Zog sich noch mal die Hose stramm, lief ein paar Meter nach rechts, ein paar nach links, und handgezählte neun Sekunden später senkte er seinen Blick zu Boden. Die Mainzer hatten gerade das zweite Tor geschossen. Am Ende verlor Hertha 1:3 und Kalou, 29, kindliches Gesicht, ansteckende Gelassenheit, sagte: „Das war nicht das beste Spiel.“

In seiner Schlichtheit war das der beste Niederlagenerklärungssatz am Sonnabend. Hier ein paar andere: „Ich weiß es einfach nicht“ (Roy Beerens), „Mit drei Gegentoren kann man halt kein Spiel gewinnen“ (Fabian Lustenberger), „Der Raum war zu knapp“ (Per Skjelbred) und zum Schluss Luhukay, der nach dem Spiel sehr lange auf den Statistikzettel geschaut hatte, um irgendeinen Anhaltspunkt zu finden: „Ich habe zwei Wochen keine Mannschaft auf dem Platz gehabt.“ Den Mainzern ist es in der Länderspielpause eigentlich ähnlich ergangen.

Am Sonntag stand Kalou dann zum ersten mal öffentlich auf dem Trainingsplatz am Schenckendorffplatz, die Wolken hingen dicht und arg stimmungskillend am Himmel, aber er grinste und sagte: „Ich bin halt selbstbewusst. Nur darum geht es doch im Fußball.“ Stimmt. Selbstbewusstsein ist eine wichtige Eigenschaft, und zwar vor allem dann, wenn Wunsch und Realität so weit auseinanderklaffen wie zurzeit bei Hertha. So gesehen kann Kalou seiner neuen Mannschaft vielleicht bald helfen.

Versucht hat er es schon gegen Mainz. Vier Minuten vor dem Abpfiff wollte er sich den Ball schnappen, um den Elfmeter zu verwandeln, der die Berliner auf 1:2 heranbringen sollte. Doch dann kam Peter Niemeyer angetrabt, legte den Arm um den Neuen und zeigte ihm die Ostkurve, wo die Fans lieber einen Alten am Elfmeterpunkt sehen wollten und kollektiv ihr überlang gezogenes Ronnyyyyyy anstimmten. Ronny traf, und kurz hatten Spieler und Fans Hoffnung auf wenigstens ein Unentschieden – aber eher sehr kurz. Denn dann passierte wieder das, was Luhukay am meisten ärgert: ein verlorener Zweikampf mit fatalen Folgen, diesmal gebrauchte er das Wort Naivität. Naiv war es tatsächlich, wie fünf Berliner nicht drei Mainzer daran hindern konnten, sich in der Nachspielzeit vor das Tor zu passen und dann zum dritten Mal zu treffen. Luhukay: „Wir haben ein Defensivproblem.“ Es war aber mindestens auch ein Offensivproblemchen dabei.

Der Trainer hatte sich für eine vernünftige, eher konservative Aufstellung entschlossen. Niemeyer und Jens Hegeler vor der Abwehr, Nico Schulz auf links, Skejbred auf der Zehn – in der Summe vier Spieler, die zu wenig Ideen hatten und selten etwas wagten. Einen Außenristpass in Bedrängnis etwa, wie ihn Kalou zeigte. Der Ball landete dann bei Änis Ben-Hatira, derAnnahme, Drehung, Schuss, so den Handelfmeter herausholte. Eine kunstvolle Szene war das, aber nur die Ausnahme am Tag der Handwerker.