Hertha gegen Schalke: Herthas verlorene Lufthoheit

Nein, Thomas Kraft wollte nicht reden am Sonntagvormittag. Herthas Nummer eins im Tor hielt sich im Kraftraum auf und ließ sich pflegen. Wie genau er die bittere 0:2-Niederlage gegen Schalke 04 vom Sonnabend vor Herthas Saisonrekord-Kulisse von 69 277 Zuschauern im Olympiastadion verarbeiten wollte, wurde deshalb nicht publik.

Dafür sprachen andere, etwa Trainer Jos Luhukay und einige Mitspieler auf Nachfragen über den in diesen Tagen in die Kritik geratenen 25-jährigen Keeper. Für Luhukay fühlte sich die Niederlage „auch heute, am Sonntag, nicht gut an, vor allem, weil wir viel Aufwand getrieben und gut gespielt haben, aber leider durch einen Standard geschlagen wurden.“

Um diesen Standard, einen Eckball, getreten durch Dennis Aogo und per Kopfball durch den 1,93 Meter großen Adám Szalai zum 0:1 verwandelt, drehten sich vor allem die Diskussionen nach der zweiten Niederlage hintereinander für Aufsteiger Hertha BSC. In dieser Situation nach 26 Minuten, die im Nachhinein spielentscheidend war, blieb zuerst Innenverteidiger Sebastian Langkamp (1,91 m) nicht nah genug am Torschützen, aber Torwart Kraft verließ gleichzeitig die Linie und griff mit seinen 1,87 Metern Körpergröße daneben.

In einer ersten Reaktion nach dem Spiel, in dem die kampfstarke Hertha zahlreiche gute Chancen vergab und auch immer wieder am sehr sicheren Schalker Keeper Timo Hildebrand scheiterte, sagte Jos Luhukay auf Sky: „Wenn Thomas rauskommt aus dem Tor, muss er den Ball halten. Er hat ihn nicht gehalten. Deshalb ist es ein Fehler.“

Manager Michael Preetz aber hatte da schon mit der Verteidigung seines besten Torwarts begonnen, sprach von einer „großen Qualität der Schalker bei Standards“ und einem „sehr schwierigen Ball“ für Kraft. Und auch Sebastian Langkamp, bei Hertha der kopfballstärkste Abwehrspieler, nahm Kraft in Schutz und die Verantwortung für das Tor auf sich: „Szalai war mein Gegenspieler und deshalb war es mein Fehler.“

Die Aussage ehrt Langkamp, aber dennoch ist ein Problem, das die Mannschaft derzeit beschäftigt, sichtbar geworden: Thomas Kraft, ein überaus ehrgeiziger Profi mit exzellenten Reflexen, hat im Moment einige Probleme bei der Strafraumbeherrschung, aber auch seinen Kollegen fehlt bei Eckbällen und Freistößen der Konkurrenz oft die notwendige Präsenz und Cleverness. Schon sieben oder acht der insgesamt 14 Gegentreffer fielen nach Standardsituationen – zuletzt auch zwei beim 2:3 beim FC Bayern München.

Der Treffer des Schalkers Szalai war zudem schon das vierte Gegentor in Serie durch einem Kopfball. „Natürlich wird ein Gegentor, das spielentscheidend ist, genauer unter die Lupe genommen“, sagte Luhukay über die Diskussionen. „Uns fehlen ein paar Zentimeter“, gab der Trainer zudem körperliche Nachteile seiner Mannschaft zu. Mit Langkamp und Adrián Ramos (1,85 m) gibt es zwei gute Kopfballspieler, andere, groß gewachsene Profis wie etwa John Anthony Brooks (1,93 m) und Sandro Wagner (1,94 m) suchen nach Verletzungen ihren Rhythmus oder spielen wie Maik Franz (1,90 m) im Moment keine Rolle.

Zudem, so sagt es Luhukay, sei die Qualität bei ruhenden Bällen in der Ersten Bundesliga weitaus höher, als noch in der Zweiten Liga. Das betrifft die raffinierte Ausführung von Ecken und Freistößen und auch die Verwertung durch solch starke Kopfballspieler wie Szalai oder Mario Mandzukic vom FC Bayern, der Hertha vor einer Woche zwei Mal düpierte.

Aber natürlich haben sie bei Hertha erkannt, dass sich alle Spieler bei Standardsituationen professioneller verhalten müssen. „Wir haben da ein Problem“, so der Trainer, „aber das können wir abstellen.“ Am Sonntag aber wollte Jos Luhukay speziell seinen Keeper Thomas Kraft nicht noch einmal kritisieren und sprach von einer Kollektivschuld beim ersten Schalker Treffer (das 0:2 durch Julian Draxler in der letzten Szene des Spiels in der 94. Minute spielte keine Rolle): „Abwehrspieler und Torwart hätten sich geschickter verhalten müssen. Nicht immer ist nur ein Spieler schuld.“

Dennoch war Kraft, der bis zum Spiel bei Bayern München eine starke Saison gespielt hatte, schon nach dem 2:3 beim Tabellenführer in die Kritik geraten, weil er bei allen drei Gegentoren keine glückliche Figur abgegeben hatte. Luhukay verteidigte ihn mit den Worten: „Thomas hat uns schon viel mehr Punkte gerettet als verloren.“

Hertha BSC kann sich keine Debatte über Kraft leisten, denn die beiden anderen Keeper besitzen nicht das Leistungsvermögen und Niveau der Nummer eins. Weder Sascha Burchert (24/1,88 m), noch Philipp Sprint (20/1,96 m) könnten Kraft adäquat ersetzen. Deshalb gibt es bei Hertha eine Verteidigungsstrategie, was den ehemaligen Bayern-Torwart betrifft. Luhukay sagte mit fester Stimme: „Thomas Kraft besitzt unser vollstes Vertrauen.“ Und Kapitän Fabian Lustenberger hält Kraft für „selbstbewusst genug“, um die kritischen Szenen gegen Bayern und Schalke schnell zu verarbeiten: „Ich mache mir keine Sorgen um Thomas.“