Schladming - Die Szene dient gewissermaßen als Blaupause für das, was Hertha in dieser Saison vorhat. Co-Trainer Rainer Widmayer hatte sich dafür extra auf die Tribüne der Schladminger Athletic Arena gesetzt. Mit der von dort gewonnenen Übersicht dirigierte der Assistent von Chefcoach Pal Dardai die Berliner Profis. Als Dennis Jastrzembski, 18, im Test gegen den österreichischen Zweitligisten FC Lieferung (4:1) zu einem seiner vielversprechenden Tempoläufe auf der linken Seite ansetzte, jagte Außenverteidiger Maximilian Mittelstädt der Nachwuchshoffnung hinterher. Zeitgleich hallte es mit Widmayers unverkennbaren schwäbischen Akzent „Lecks, lauf los!“ über den Sportplatz. Mathew Leckie gehorchte, sprintete von der Mittellinie in den Strafraum und war, als Mittelstädt Jastrzembski überlaufen hatte und direkt und präzise flankte, zur Stelle. Mit einem wuchtigen Kopfballtor schloss der Australier den Musterangriff ab.

Schneller, offensiver, attraktiver und unberechenbarer soll das Spiel der Berliner werden. Daran feilen Dardai und Widmayer seit dem Start der Vorbereitung Ende Juni. Während dieser Woche will das Duo auf dem Übungsplatz im Trainingslager in der Steiermark das Repertoire ihrer Truppe zu dem bisher erprobten 4-2-3-1 System um ein 3-5-2 als alternative Formation erweitern. „Wir wollen während eines Spiels von einem aufs andere System wechseln, um variabler zu sein“, erklärt Widmayer.

Attraktiver spielen

Nach fünf Jahren im Oberhaus und dreieinhalb Spielzeiten unter der Anleitung von Pal Dardai will Hertha den nächsten Schritt machen. Der Feinschliff in der Alpenrepublik anderthalb Wochen vor dem ersten Pflichtspiel der Saison 2017/2018 beinhaltet auch taktische Kniffe wie Gegenpressing und  – wie im Falle des Konters gegen den FC Lieferung – ein schnelleres Umschaltspiel.  „Gerade in den Heimspielen wollen wir uns steigern und attraktiver spielen“, fordert Manager Michael Preetz.

In der vergangenen Saison, die Hertha mit Platz zehn abschloss, war das Spiel der Blau-Weißen auf Ballbesitz und Kontrolle ausgelegt. Bis auf  den FC Bayern, Werder Bremen  und die noch immer freche TSG Hoffenheim stehen die Gegner meist tief und dicht gestaffelt. Hertha fehlte es regelmäßig an Durchschlagskraft, viele Torchancen bekamen die Fans insbesondere im Olympiastadion nicht geboten. „Bisher basiert unsere Art Fußball zu spielen auf einer sehr kompakten Defensive. Natürlich wollen wir die beibehalten, aber gleichzeitig das Offensivspiel weiterentwickeln“, erklärt Preetz. Dass das angesichts der Leistungsdichte der Klubs ein schmaler Grat ist, weiß er. „Das hört sich auf Anhieb einfach an, ist aber sehr schwierig.“

Dardai fordert mehr Mut

Zu groß ist die Gefahr in den Abstiegsstrudel zu geraten, wenn nur ein paar Wochen die Ergebnisse nicht stimmen. Dennoch formuliert der Manager einen Wunsch an die Bundesliga, den man auch als Arbeitsauftrag an Dardai verstehen kann. „Ich würde mir auch mehr Mut an der einen oder anderen Stelle in der Liga wünschen.“

Ganz beschwerdefrei kann der Manager die Vorbereitung auf den neuen Balanceakt nicht genießen. Neben der schweren Lungenverletzung von Stürmer Davie Selke bereiten den Berlinern auch die Knieprobleme von Mittelfeldmotor Vladimir Darida und Rechtsverteidiger Peter Pekarik Sorgen. Das Trio verpasste fast die gesamte Vorbereitung und wird definitiv zum Saisonstart fehlen – wenn nicht deutlich länger. Seit Dienstag muss auch Leckie kürzertreten. Den WM-Fahrer und Blaupausen-Torschütze hat es ebenfalls am Knie erwischt. Mit einer Innenbanddehnung wird Leckie in Schladming nicht mehr auf dem Platz stehen.

Hoffnung, dass die gesunden Spieler die neuen Anforderungen umsetzen, macht Widmayer deren Tatendrang. „Das sind alles gute Jungs, die das lernen wollen“, lobt er die Wissbegierde seiner Profis.  Auch der Mannschaftsgeist scheint trotz des tobenden Konkurrenzkampfes weiter in Takt zu sein.  „Stammplatzgarantien gab es bei mir noch nie und wird es auch dieses Jahr nicht geben“, sagt Dardai. Dass Anforderungsprofil ist durch die verschiedene Spielsysteme gestiegen. „Wenn man Fünfer-statt Viererkette spielt, haben die defensiven Mittelfeldspieler eine ganz andere Aufgabe.“  Nur die Aufgabe des Trainerstabs wird in dieser Saison die gleiche bleiben. „Wir müssen die Spieler auswählen, damit wir gewinnen.“