Am Montagmorgen ist sie also losgeflogen, die sechzigköpfige Reisegruppe Hertha BSC. Berlin Tegel, Zwischenlandung Amsterdam, Zielflughafen Minneapolis, zwölf Stunden unterwegs. Aber wozu eigentlich das Ganze nach diese Saison? „Wir wollen die internationale Weiterentwicklung der Marke Hertha BSC vorantreiben“, sagte Manager Michael Preetz bereits vor ein paar Wochen. Und auf der Mitgliederversammlung am Sonntag informierte er: „Wir wollen neue Märkte erschließen.“ Außerdem geht es darum: „Wir sind im dreißigsten Jahr des Mauerfalls, wir treten als Botschafter Berlins auf.“

Wer die Reise mitverfolgen will, kann das unter #teardownwallstour bei Twitter tun und sollte sich vorher noch einmal die Rede von Ronald Reagan anhören, der am 12. Juni 1987 vor dem Brandenburger Tor forderte: „Mr. Gorbatschow, tear down this wall!“ Reißen Sie diese Mauer nieder!

Hertha – ohne die entschuldigten Pal Dardai (Balaton), Rainer Widmayer (Stuttgart), Rune Jarstein, Vladimir Darida, Mathew Leckie, Arne Maier, Lukas Klünter (alle angeschlagen bis verletzt) und Vedad Ibisevic (zum dritten Mal Papa) – wird neun Tage in den USA verbringen. Geplant sind neben lockeren Trainingseinheiten, Werbeterminen, Pressekonferenzen, einem Schulbesuch und der Tribünenanwesenheit bei einem Baseballspiel auch zwei Freundschaftskicks: an diesem Mittwoch gegen Minnesota United FC, Major League Soccer, es ist eine Stadioneinweihung; und am Freitag im Bundesstaat Wisconsin gegen den Forward Madison FC aus der unterklassigen USL League One.

„Only home we don’t go“

Dann geht es weiter nach Chicago und am vorletzten Tag über die mexikanische Grenze nach (Mr. Trump, tear down this wall!) Tijuana, die Reise endet in Berlins Partnerstadt Los Angeles. Das noch geheime „Abschlussevent“ findet am Santa Monica Beach statt. Wer aus verständlichen Gründen länger bleiben will, wird sicherlich die Klubhymne „Only home we don’t go“ anstimmen.

Finanzchef Ingo Schiller hat versprochen, dass Hertha einen fünfstelligen Betrag verdienen wird: Antrittsgagen plus Zuschuss von der DFL, die Bundesligisten seit sechs Jahren finanziell darin bestärkt, den deutschen Klubfußball im Ausland zu repräsentieren. Das tat Hertha zuletzt vor 49 Jahren, auf Einladung des DFB. Damals waren es zehn Testspiele in vier Wochen, die Mannschaft reiste mit den Schiff an.

Die Klasse von 1999

Die Verbindung zwischen Hertha BSC und den USA ist nicht komplett ohne die Reise, die der Stürmer Michael Preetz im Februar 1999 angetreten hat – als deutscher Nationalspieler. Beim Spiel gegen den Gastgeber in Jacksonville (0:3) debütierte er für den DFB, gegen Kolumbien (3:3) traf er doppelt und durfte hinterher zu Recht behaupten: „Ich war einer der wenigen, die die Chance genutzt haben.“ Und es lag nicht nur an der Lektüre, in die sich Preetz damals vertiefte, während die anderen Karten spielten im Teamhotel: „Sorge Dich nicht, lebe – Die Kunst, zu einem von Ängsten und Aufregungen befreiten Leben zu finden“.

Für die meisten Fans war die Klasse von 1999 (wieder mit Preetz), die sich ein halbes Jahr beim Confed Cup in Mexiko noch mehr blamieren sollte, das größte Missverständnis der deutschen Fußballgeschichte. Die Bundestrainer hießen übrigens Uli Stielike und Erich Ribbeck.

Der Manager Preetz verfolgt eine Internationalisierungsstrategie, die auch andere Mannschaften betrifft. Im vergangenen Jahr reiste Herthas U19 zu einem Turnier nach Kalifornien, die U23 nahm am Baltic Sea Cup und am Premier League International Cup teil. Im vergangenen Oktober war Preetz zudem in New York, als die DFL dort ein Büro eröffnete. Alle Reisen haben das gleiche Ziel: Bekanntheit des Klubs erhöhen, Kontakte knüpfen, Geldgeber finden. So verhalten sich eben Marken auf Märkten.