Herthas Marko Grujic und Hoffenheims Stefan Posch.
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HoffenheimEs ist fraglich, ob die Berliner Spieler vor ihrem souveränen 3:0-Sieg in Hoffenheim gemerkt haben, dass sie nicht ganz alleine im fernen Sinsheim Fußball spielten. Denn um 14.10 Uhr, als sich ein in Shorts und Hertha-Trikot gewandeter Trucker von der nahegelegenen Tankstelle zum Stadion aufmachte, war der Hertha-Tross bereits im streng abgeriegelten Innenraum. Der treue Fahrensmann hingegen wartete außerhalb des Stadions und dürfte das nicht bereut haben: Gleich dreimal drangen schließlich die Jubelschreie von gut 20 Hertha-Spielern und -Offiziellen an seine Ohren.

Auf dem Platz herrschte hingegen so etwas wie Bolzplatzatmosphäre – nur ohne Bratwurstgeruch und Werbedurchsagen. Fußball-Romantiker hätten aber wohl die deutlich hörbaren Zurufe und das charakteristische Geräusch geschätzt, das entsteht, wenn ein Kickschuh auf einen Ball trifft und der Torwart seinen Vorderleuten ein kerniges „Leo“ zuruft. Doch außer den 200 Menschen – Spieler inklusive –, die im Innenraum und auf den Tribünen zugelassen waren, verhallten die Geräusche ungehört, auch die eigentlich recht kraftvolle Einlaufmusik „Sonne“ von Rammstein plätscherte nur so vor sich hin. Irgendwann wurde es dann aber doch vergleichsweise laut. Denn als Schiedsrichter Christian Dingert Herthas Peter Pekarik nach zehn Minuten verwarnte, intervenierte Hertha-Coach Bruno Labbadia in gehobener Dezibelzahl: „Da muss man doch nicht gleich eine Gelbe Karte geben“, rief er. Und: „Nee, das ist keine Gelbe Karte." War es aber doch.

Herthas neuer Trainer, der mit seinen zahlreichen bisherigen Erstliga-Klubs schon sechsmal gegen Hoffenheim gewonnen und damit einen Bundesligarekord aufgestellt hatte, setzte auf eine 4-2-3-1-Formation mit dem langjährigen Hoffenheimer Vedad Ibisevic als einziger Spitze, ursprünglich hatte er wohl ein 4-3-3- geplant, sich dann aber umentschieden, „weil wir da kompakt stehen können“, wie er dem Reporter des Bezahlfernsehens Sky sagte. Auch personell überraschte der Coach bei seinem Debüt: Peter Pekarik, Per Skjelbred, Jordan Torunarigha und eben Vedad Ibisevic spielten von Anfang an, Niklas Stark, Krzysztof Piatek und Javairo Dilrosuen blieben draußen.

Und siehe da: Hertha war nicht erst im torreichen zweiten Durchgang die bessere von zwei Mannschaften, denen man wenig überraschenderweise anmerkte, dass die vergangenen Wochen eher ungewöhnlich waren. Schon im Zweikampfverhalten waren die Gäste stärker, Hoffenheims Sebastian Rudy wurde beim Spielaufbau nicht zum ersten Mal in seiner Karriere recht konsequent angelaufen, auch ansonsten ging die Hertha entschlossener zum Ball als Hoffenheim, das das Fehlen von gleich vier Angreifern aufzufangen hatte und eine gute Gelegenheit vergab, als Christoph Baumgartner freistehend den Ball nicht richtig traf (28.).

Ein bisschen tollpatschig stellte sich in einer Szene allerdings auch die Hertha an, die in der 41. Minute die größte Chance des ersten Durchgangs hatte, als Matheus Cunha Baumanns Schulter anschoss, von wo der Ball ins Aus ging. Zuvor hatte Ibisevic Hoffenheims Benjamin Hübner recht robust vom Ball getrennt und damit die Leaderqualitäten gezeigt, die Labbadia von ihm sehen will: „Vedo hat sich am Anfang ein bisschen schwergetan, was Intensität und Umfänge angeht“, zog Labbadia nach dem Spiel ein Fazit der vergangenen fünf Wochen. „Er wurde dann aber Woche für Woche stärker. Wir haben jemanden gebraucht, der die Mannschaft führt, und da ist Vedo einfach gut.“

Nach dem Seitenwechsel und einer Chance von Hoffenheims Maximilian Beier (49.) blieb Hertha, das ohne den gelbgesperrten Vladimir Darida klarkommen musste, die gefährlichere Mannschaft. Dennoch war der erste erwähnenswerte Abschluss einer der Heimmannschaft: Maximilian Beier vergab sie (49.). Danach schlug aber die Hertha ein zackiges Tempo an, das die zusehends müder werdenden Hoffenheimer überforderte.

Maximilian Mittelstädt verzog per Außenrist-Volleyabnahme (49.). Kurz danach scheiterte Ibisevic an Baumann (55.). Und dann fielen binnen weniger Sekunden die ersten beiden Tore: Beim 0:1 fälschte Hoffenheims Kevin Akpoguma einen Schuss von Pekarik so dramatisch in den Torwinkel ab, dass ein Eigentor notiert werden musste (58.), kurz darauf köpfte Ibisevic das 0:2 (60.). Und da weder bei der Flanke von Marvin Plattenhardt noch im Abwehrzentrum nennenswerte Hoffenheimer Gegenwehr zu beobachten war, dürfte man im TSG-Lager eigentlich auch hier bei der Spielanalyse von einem Selbsttor sprechen.

Auch der dritte Berliner Treffer traf nicht gerade auf erbitterte Gegenwehr einer Hoffenheimer Offensive, die zwischenzeitlich immer wieder völlig die Ordnung verlor. Den bedauernswerten Akpoguma ließ Cunha doch ziemlich hilflos aussehen, bevor er aus spitzem Winkel das 0:3 erzielte (74.) und der eingewechselte Jessic Ngankam in der Nachspielzeit immerhin noch den Pfosten traf. „Das war der Start, den die Mannschaft gebraucht hat“, freute sich Labbadia. „Man darf nicht vergessen, was alles los war in dieser Saison. Die Trainerwechsel, die Corona-Zeit ... da war das ein echter Brustlöser.“