Hertha gegen Köln. Das ist oft Aufregung, Spektakel, Drama und auch die Stunde für Helden. Das ist ein Duell zweier Gründungsmitglieder der Bundesliga, zweier Vereine, die oft leiden mussten, aber meist schnell wieder aufgestanden sind.

Schon vor 50 Jahren gab es einen Höhepunkt, der reif fürs Guinness-Buch der Rekorde war.  Einen Zeitzeugen zu finden, der bei Herthas Duell gegen den 1. FC Köln am 26. September 1969  als Zuschauer dabei war, fiel mir leicht. Manfred Sangel, damals gerade zehn Jahre jung, durfte an der Hand seines Vaters ins Olympiastadion, wo sich unglaubliche Menschenmassen drängten.

Bei Anpfiff sollen es 90 000 oder gar beinahe 100.000 gewesen sein. Offiziell sahen 88.075 Zuschauer den 1:0-Sieg der Hertha. Sangel hockte mit seinem Vater auf den Treppenstufen im Oberring nahe des Marathontores, weil alle Ränge überfüllt waren. „Als kleiner Junge war das ein riesiges Abenteuer für mich“, erinnert sich der Mann, der später drei Jahrzehnte das Fan-Radio „Hertha-Echo“ leiten sollte. Die 88 075 Zuschauer sind noch immer die Rekord-Kulisse in der Bundesliga und werden es angesichts der niedrigeren Kapazitäten der deutschen Stadien auch noch lange bleiben.

Ich musste an dieses Spiel denken, als die aktuelle Hertha-Mannschaft am Sonntagabend mit 4:0 in Köln gewann. Es war immerhin der bislang höchste Sieg gegen Köln in der Ersten Liga in 57 Duellen! Aber das einstige Aufeinandertreffen vor der Rekordkulisse hätte auch ich gerne wie Manfred Sangel erlebt. Doch 1969 baute ich gerade mein Abitur in Thüringen. Hertha war für mich damals sehr weit weg und lediglich ein altmodischer Frauenname.

Das sollte sich spätestens nach dem Fall der Mauer ändern. Bei einem weiteren Duell zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Köln, bei dem ein unglaubliches Tor die Fans begeisterte, saß ich als Reporter auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions. Am 30. September 2000 führte Köln vor 37 000 Zuschauern schon mit 2:0. Nach einer knappen halben Stunde – Kölns Dirk Lottner hatte gerade per Strafstoß das zweite Kölner Tor erzielt – schritten Michael Preetz und der Brasilianer Alex Alves zum Mittelkreis, um das Spiel fortzusetzen. Was dann passierte, bekamen viele Zuschauer im Stadion gar nicht mit, weil sie sich noch über den Rückstand ärgerten und zu Bier und Zigarette griffen. Preetz tippte den Ball ganz kurz zu Alves, der drosch den Ball ohne Anlauf vom Anstoßpunkt aus ins Kölner Tor! Ein Wahnsinnstreffer. Spätere Nachmessungen ergaben, dass Alves aus exakt 52,10 Metern Entfernung getroffen hatte. Hertha drehte das Spiel und siegte 4:2. Dieses Tor wurde in der ARD zum „Tor des Jahres 2000“ gewählt.

Zurück in die Gegenwart. Der 4:0-Triumph der Hertha am Sonntagabend in Köln besitzt für mich wie das Alves-Spiel auch einen großen Stellenwert. Der Sieg war enorm wichtig für die Reputation von Ante Covic. Er war wichtig für das Team, das merkte, wieviel Qualität in ihm steckt. Und der psychologische Effekt nach dem mühsamen Saisonstart ist noch gar nicht abzuschätzen.

Noch ein Vorschlag an die Planer des komplizierten Spielplans: Hertha sollte künftig mindestens viermal pro Saison mit Hin-und Rückspielen gegen Köln antreten dürfen. Der Grund: Herthas Oldie Vedad Ibisevic, 35, trifft beinahe immer gegen „Kölle“. In 15 Duellen schoss er 12 Tore gegen diesen Verein! Welch Drama – Gott sei Dank – nur für Köln!