Vor einigen Tagen fuhr ich nach Dresden. Das Rudolf-Harbig-Stadion des Zweitligisten Dynamo Dresden war mein Ziel. Achtung, Hertha-Fans: diese schmucke 32 000-Mann-Arena ist tatsächlich nah, steil und laut und kann als Vorbild für ein neues, natürlich größeres Hertha-Stadion mit steilen Tribünen ohne Laufbahn dienen. Von Dynamos Sportchef Ralf Minge, einst torgefährlicher Mittelstürmer, wollte ich wissen, ob wirklich rund 30 000 Fans ihre Mannschaft zum DFB-Pokalspiel nach Berlin begleiten. Minge bestätigte das und nannte die Fan-Karawane ein „Phänomen.“ In Runde zwei erwartet Hertha am 30. Oktober Dynamo im Olympiastadion.

Dresden war schon immer eine verrückte Fußballstadt. Dynamo, achtmal DDR-Meister, kann 98 Europacup-Spiele aufweisen, viele davon waren denkwürdig. Bilder vom brisanten Duell im Landesmeister-Cup 1973/74 zwischen Dresden und dem FC Bayern München sehe ich noch heute vor mir. Nach der 3:4-Niederlage von Dynamo im Hinspiel in München trennte man sich nach dramatischem Verlauf 3:3. Dabei lief der doppelte Torschütze Uli Hoeneß dem knorrigen Dynamo-Verteidiger Eduard Geyer in Usain-Bolt-Manier zweimal leichtfüßig davon. Aber was hat nun Hertha mit Dresden zu tun?

Ungewöhnliche Reise

Kurioserweise verbindet den Dresdner Fußball einiges mit Hertha BSC. Das begann 1950, als Spieler der SG Dresden-Friedrichstadt, Nachfolger des Dresdner SC, Deutscher Meister von 1943 und 1944, Zuflucht bei Hertha suchten. Elf bekannte Aktive der Dresdner, darunter der spätere Bundestrainer Helmut Schön, gingen nach Westberlin. Diese „Fusion“ hielt aber nur eine Saison lang an. Die Dresdner wurden nie richtig heimisch im Wedding.

Viele Jahre später, in Zeiten der Berliner Mauer, durfte Hertha BSC nach langen Bemühungen im Rahmen des streng reglementierten „deutsch-deutschen Sportkalenders“ im April 1978 zu einem Spiel nach Dresden reisen. Damals machten sich hunderte Berliner Fans per Sonderzug auf nach Dresden und trafen sich dort mit vielen Anhängern des 1. FC Union, die endlich einmal die Hertha live erleben wollten, die sie nur aus dem Westfernsehen kannten. Die Unioner bevölkerten die Autobahn mit ihren Trabbis, Wartburgs, und schließlich sahen 40 000 Zuschauer das deutsch-deutsche Duell, das Dynamo 1:0 gewann. Es kam zu von den DDR-Oberen nicht gerngesehenen Verbrüderungen der Fans aus Ost und West. Man kann dieses Ereignis als Geburtsstunde der Fanfreundschaft zwischen Hertha und Union bezeichnen. Die hielt bis zum Mauerfall, aber zerbrach danach immer mehr.

Viele der Hertha-Anhänger, die 1978 in Dresden vor Ort waren, sind heute Ende 50, Anfang 60 und halten den Blau-Weißen die Treue. Die Berliner Fans sollten zum Pokalspiel auch in Scharen ins Olympiastadion kommen, um einen Gegenpol zu den Dynamos zu bilden. Die lassen sich garantiert etwas Besonderes einfallen. In der Saison 2015/16, bei einem Heimspiel gegen Magdeburg, enthüllten sie eine 350 Meter lange und 35 Meter breite Blockfahne, die größte ihrer Art in Europa.

Endspiel-Atmosphäre

Ich bin mir sicher, dass der Pokal-Hit Endspiel-Atmosphäre haben wird. Vielleicht schafft Hertha-Coach Ante Covic in dieser Spielzeit das, was Vorgänger Pal Dardai verwehrt blieb: den Einzug ins DFB-Pokalfinale im eigenen Wohnzimmer. Das muss er sich aber gegen Dresden mit den 30 000 Dynamo-Fans teilen.