Diese Hertha-Mannschaft treibt mich noch in die Arme eines Kardiologen. Warum? Ganz einfach: Wenn man Spiele im Liveticker verfolgt, so wie ich es zuletzt beim Duell in Mainz getan habe, durchlebt man viele emotionale Phasen, die ans Herz gehen. Es begann mit  „maßloser Enttäuschung“ nach der Mainzer Führung, über „innerlichen Jubel“, als Marko Grujic der Ausgleich gelang, bis hin zu „Frust und Wut“ wegen der späten Niederlage beim 1:2. Es folgten schlechte Laune und ein Dejà-vu. Freunde, die Hertha eher mit viel Distanz betrachten, konfrontierten mich mit einem alten, längst vergessenen Spruch: „Willst Du Hertha oben sehen, musst Du die Tabelle drehen!“ 

Zuletzt traf dieser hämische Slogan auf die Abstiegssaison 2009/10 zu, als Hertha am 6. Spieltag ganz unten gelandet war und Tabellenplatz 18 bis zum 34. Spieltag nicht mehr loswurde.  Und nun? In den sozialen Netzwerken, wo vor allem über den Trainer diskutiert wird,  gehen die Meinungen weit auseinander. „Ganz schnell Covic von seinen Aufgaben entbinden“, schreibt ein User, ein anderer meint: „Lasst den Trainer in Ruhe arbeiten. Er ist doch die ärmste Sau!“

Fakt ist, die sehr hohe Erwartungshaltung vor dieser Saison auf der einen Seite und ein in der Bundesliga noch unerfahrener  Trainer auf der anderen Seite passten bislang noch nicht recht zusammen. Nachdem Manager Michael Preetz dank des neuen Investors insgesamt die Rekordsumme von 33,7 Millionen Euro für neue Spieler ausgeben durfte, träumten viele schon von der Europa League und glanzvollen Zeiten. 

Bleibt die Frage: Weiter mit Ante Covic? Ich sage Ja! Der Bundesliganovize hatte ja den Auftrag erhalten, vor allem attraktiven Fußball spielen zu lassen. Und das ist ein Prozess, der Zeit erfordert. Allerdings halte ich die Situation dennoch für gefährlich. Nach zwei Abstiegen seit 2010 sollte man bei Hertha wissen, dass es in dieser Bundesliga, wo jeder jeden schlagen kann, äußerst schwer ist, aus der Abstiegszone herauszukommen.  Die Spieler sind nun zuvorderst gefragt, endlich ihr sicher großes Potenzial abzurufen, denn einen Trainer zu wechseln, ist immer ein sehr schwerwiegender Schritt.

Ich selbst habe in meiner Zeit als Reporter seit 1989/90  bei Hertha BSC 22 Trainer erlebt. Nur zwei  durften dabei die Mannschaft  über einen längeren Zeitraum  führen.  Das waren Jürgen Röber und Pal Dardai. Beide prägten jeweils eine Ära.  Lucien Favre hob das Team wenigstens zwei Jahre auf eine qualitativ höhere Stufe, ehe er scheiterte. Hans Meyer war einst der perfekte Retter in einer äußerst prekären Situation. Andere Trainerwechsel brachten keinen nachhaltigen Effekt. Und der Verschleiß von jeweils gleich vier Fußballlehrern in den Spielzeiten 1990/91 und 2011/12 endete mit dem Abstieg.

Preetz und die Vereinsführung stehen voll hinter dem Trainer Covic. Der Manager hatte sich im Mai nach dem Ausloten anderer Optionen, also der eventuellen Verpflichtung eines möglichst renommierten Trainers von außen, für die interne Lösung mit Covic entschieden. Dazu steht er nun fest, was gut zu verstehen ist. Dennoch wird er nicht blauäugig sein und die Lage etwa unterschätzen.

Die Fans pendeln zwischen Frust und Hoffnung, Häme und Ironie. Ein Anhänger  wandelte einen offiziellen Slogan der Hertha originell ab und twitterte: „In Berlin kannst Du alles sein – auch Tabellenletzter!“ Mein Zusatz: Bitte nicht zu lange!