In diesen Tagen kommt bei mir der Ärger wieder hoch. Es geht um den Frust, einst ein ganz, ganz wichtiges Spiel von Hertha nicht gesehen zu haben, obwohl ich durchaus die Chance zum Besuch des Olympiastadions besaß. Die Mauer war gerade gefallen und Hertha traf nur zwei Tage später, am 11. November 1989, auf Wattenscheid 09. Ostberliner bekamen zum ersten Mal die Gelegenheit, die Hertha live zu erleben, anstatt lediglich im Westfernsehen. Ein Zweitligaduell geriet plötzlich auf die politische Weltbühne. Und ich war nicht dabei.

Nun trifft Hertha BSC zum 30. Jahrestag des Mauerfalls, im Olympiastadion auf RB Leipzig. Dort werden auch viele Spieler in der Arena sein, die einst Geschichte geschrieben haben. Berliner und Wattenscheider. Hertha hat diejenigen Profis eingeladen, die am 11.11. 1989 das Spitzenspiel der Zweiten Bundesliga bestritten, das 1:1 endete. Eine wunderbare Idee.

Auch vor 30 Jahren reagierte Hertha schnell auf die turbulenten Ereignisse und stellte 10.000 Freikarten für DDR-Bürger zur Verfügung. Die Fans aus dem Osten mussten lediglich ihren Personalausweis vorzeigen, um ins Stadion zu kommen.  Am Ende wurden offiziell 44 174 Zuschauer angegeben, es sollen aber rund 60 000 gewesen sein, davon etwa 11 000 aus dem Osten.

Ich selbst habe bislang als Reporter etwa 450 Spiele von Hertha gesehen, darunter großartige Siege und bittere Niederlagen. Aber am 11. November 1989 war ich statt im großen Olympiastadion in der kleinen Sporthalle am Anton-Saefkow-Platz in Lichtenberg und habe für die Berliner Zeitung vom Tischtennis-Turnier der Tausende, einer sehr beliebten Breitensportaktion, berichtet. Warum ich als noch recht junger Reporter nicht zur Hertha geschickt worden war? Keine Ahnung. So kurz nach dem Mauerfall lebten auch wir Redakteure in einem Ausnahmezustand. Und der Profifußball spielte in der Zeitung bis dahin nur eine kleine Rolle.

Hertha-Wattenscheid - Dimension unterschätzt

Das Hertha-Spiel gegen Wattenscheid haben wir in seiner Dimension total unterschätzt. Der tiefe Blick ins Archiv offenbart drastisch unsere vergebene Chance. In der Ausgabe vom Montag, den 13. November 1989, bekam ich auf der Sportseite den Aufmacher-Text vom Tischtennis der Freizeitsportler. Und die Hertha? In der Rubrik „Sport in Zahlen“ wurde das Resultat Hertha-Wattenscheid 1:1 in kleiner 6-Punkt-Schrift vermeldet und dazu die Tabellenspitze der Zweiten Bundesliga. Naja, immerhin druckte meine Berliner Zeitung schon zuvor immer am Montag wenigstens die Resultate samt Tabelle der Ersten Bundesliga ab.

Hertha stieg damals am Ende der Saison zusammen mit Wattenscheid in die Erste Liga auf. Dort gab Hertha aber nur ein einjähriges Intermezzo. Jetzt sollen die Akteure von 1989, die meisten inzwischen Mitte oder Ende 50, am Sonnabend eine große Bühne bekommen und auf dem Rasen symbolisch die Mauer noch einmal einreißen. Herthas Trainer Werner Fuchs, der schon 1999 verstorben ist, sagte im November vor 30 Jahren: „Wir saßen alle vor diesem Spiel gegen Wattenscheid schweigend in der Kabine. Alle waren wie gelähmt vor Rührung, aber auch durch den Druck des historischen Spiels.“

Niklas Stark, Per Skjelbred oder Vedad Ibisevic werden nun gegen Leipzig in den neu produzierten weißen Trikots mit dem Berliner Bären auf der Brust spielen, die ihre Vorgänger einst gegen Wattenscheid trugen. Das sollte keine Last sein, sondern Lust machen auf ein großes und vor allem erfolgreiches Spiel.