Kinderträume sind schön. Eine dieser fantasievollen Vorstellungen brachte mich gerade zum Schmunzeln. Der 11-jähige Hertha-Fan Alexander Groth hatte sich an einer interessanten Wunschzettel-Aktion der „Bild am Sonntag“ beteiligt. Kinder sollten an ihre Lieblingsklubs schreiben. Überraschend begann der kleine Hertha-Anhänger seinen Brief mit „Lieber Thomas Tuchel!“ Hatte er dabei etwas verwechselt? Nein, nein! Die Geschichte mit dem neuen Dortmunder Trainer bekam schnell einen Sinn.

„Ich wünsche mir Marco Reus für Hertha, damit ich in dieser Saison keine Angst mehr vor dem Abstieg haben muss….“ Mensch Alexander, ausgerechnet Reus! Der Junge ist einfach zu teuer für die Hertha. Aber damit nicht genug. Alexander wünschte sich von Hertha-Trainer Pal Dardai etwas Außergewöhnliches: „Gib meinen Lieblingsspielern Ronny und Änis Ben-Hatira lebenslange Verträge!“

So Leid es mir für Alexander tut, aber seine Wünsche werden nicht in Erfüllung gehen. Ronny, lange tatsächlich einer, der Kinderaugen zum Leuchten brachte, und Ben-Hatira (der ist wieder einmal verletzt) sollen Hertha sogar verlassen. Wenn der 11-jährige Alexander nun mit seinem Vater wieder im Block 32 nahe der Ostkurve im Olympiastadion sitzt, wie er schreibt, muss er höchstwahrscheinlich auf die Hammer-Freistöße von Ronny und die tollen, aber eher seltenen Dribblings von Ben-Hatira verzichten. Ich denke, ein neuer Wunschzettel muss geschrieben werden. Eines ist sicher: der lange Wunschzettel von Pal Dardai sieht ein wenig anders aus. Man sollte Manager Michael Preetz danach fragen.

Der Weg von Wünschen und Hoffnungen zu Prognosen ist nicht sehr weit. Was ist von der Mannschaft zu erwarten, die zum ersten Mal unter Pal Dardai eine komplette Saisonvorbereitung absolviert? Die Voraussagen, die zuerst traditionell einige Wettanbieter veröffentlichen, machen mir Sorgen, obwohl ich selbst kein Wettfreund bin. Nur einmal – es muss so um 2003 gewesen sein – ließ ich mich hinreißen und wettete im Überschwang, dass Hertha bis 2010 einmal Deutscher Meister werden würde. Ich wollte die Mannschaft unbedingt begleiten, wenn sie mit der Meisterschale durch das Brandenburger Tor fahren würde. Diese schönen Bilder malte ich mir immer wieder aus. Bekanntlich habe ich diese Wette deutlich verloren und musste als Wetteinsatz ein großes Fass mit Budweiser-Bier bezahlen. Wenigstens durfte ich damals mittrinken.

Gute Wettquoten für Hertha

Bei Wettanbieter „Mybet“ steht Hertha im Moment nicht hoch im Kurs. Dort sind laut Wettquoten Bruno Labbadia (Hamburger SV), Armin Veh (Frankfurt) und Michael Frontzeck (Hannover) die ersten Kandidaten für einen Trainer-Rauswurf. Danach folgt schon Pal Dardai. Und bei den Abstiegskandidaten lautet die Reihenfolge: Darmstadt, Ingolstadt, Hertha…

Nicht viel besser sehen die Wetter bei „betsafe.com“ unseren jungen Hertha-Coach. Frontzeck, Veh, Labbadia, Dardai lautet dort die Reihenfolge der am meisten gefährdeten Fußballlehrer.

Auf solche Wettquoten gebe ich allerdings nichts und studierte deshalb lieber die traditionellen Saisonhefte von Sport-Bild und Kicker. Doch auch da sah es nicht viel positiver für Hertha aus. Sport-Bild-Kolumnist Lothar Matthäus schrieb etwa: „Der Abstieg ist für die Berliner definitiv ein Thema, wenn sich diese Saison nichts ändert.“ Ist denn der Loddar immer noch frustriert, dass er nie Trainer bei Hertha werden durfte? Es scheint so. Eine repräsentative Umfrage von Sport-Bild unter den Fans ergab zudem, dass Hertha BSC am Saisonende auf Rang 15 einläuft –so wie in der Zittersaison 2014/15.

Der Kicker, die Bibel der Fußballfans, fragte: Ist Dardai beim Hauptstadtklub mehr als ein Retter? Die Antworten: Ja (31,9 Prozent), Nein (68,1 Prozent).

Und zu guter Letzt habe ich mir noch die Umfrage des Tagesspiegels angeschaut und mein Votum (Mittelfeldplatz!) abgegeben. Dort wird gefragt: „Wie wird Hertha BSC die neue Saison beenden?“

Das Resultat:

Meisterschaft: 7 Prozent

Champions-League-Qualifikation: 2 Prozent

Europa-League-Qualifikation: 10 Prozent

Mittelfeld: 60 Prozent

Abstieg: 21 Prozent

(Stand: Mittwoch, 29. Juli, 8 Uhr/bislang 17.394 Teilnehmer)

Ich habe mir geschworen, dass ich mich überhaupt nicht von solchen Prognosen und Umfragen beeinflussen lasse. Ich halte es lieber mit Pal Dardai. Der Ungar ist und bleibt eine Kämpfernatur und ein Optimist. Natürlich muss er mit heftigen Widrigkeiten klarkommen. So wartet er noch immer auf weitere neue Profis. Er muss leider erneut verletzte Spieler beklagen. Und er muss mit Profis arbeiten, die den Verein verlassen sollen, die aber noch keinen neuen Arbeitgeber gefunden haben.

All das birgt Konfliktpotenzial. Dennoch gab Dardai mutige Ziele aus: Er will möglichst schnell 40 Punkte ergattern und endlich einmal ins Finale um den DFB-Pokal einziehen. Alle Achtung! Und dann gab er noch einen geheimnisvollen Satz von sich: „Wenn das kommt, was ich ahne, haben wir automatisch zehn Punkte mehr.“

Was ahnt der 39-jährige genau? Hat Manager Preetz einen neuen Top-Stürmer an der Angel? Ist es die gute Vorbereitung, die das Team in zwei Trainingslagern absolvierte und zu einem Leistungsschub führen wird? Gibt es einen neuen, starken Teamgeist?

Lassen wir uns überraschen. Zehn Punkte mehr? Hertha beendete mit 35 Zählern die letzte Saison auf Platz 15 und entkam knapp der unsäglichen Relegation. Mit zehn Punkten mehr, also 45 Zählern, wäre man 2014/15 auf Tabellenplatz 8 gelandet. Damit wäre am Ende der neuen Spielzeit garantiert auch der kleine Hertha-Anhänger Alexander sehr zufrieden. Auch ohne Marco Reus.