Als Hertha BSC im Sommer vorigen Jahres Salomon Kalou verpflichtete, war die Begeisterung groß. Der ivorische Nationalspieler war immerhin der erste Champions-League-Sieger im Trikot der Berliner. Nach lediglich sechs Treffern trat Ernüchterung ein.

Der Stürmer versprach nun selbstkritisch, dass die Fans in der neuen Saison den „wahren Kalou“ erleben werden. Doch in der Vorbereitung enttäuschte der 29-Jährige bislang. Weil aber die anderen Angreifer Sami Allagui und Julian Schieber verletzt sind und Sandro Wagner den Verein verlassen soll, liegen zumindest zu Saisonbeginn alle Hoffnungen auf Kalou. Ich habe vier ehemalige Hertha-Stürmer mit Torinstinkt gefragt, wie sie Berlins Offensive sehen. Wird Salomon Kalou überschätzt?

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Erich Beer (Jahrgang 1946/253 Bundesligaspiele für Hertha/83 Tore): "Nein. Kalou wird nicht überschätzt. Er stand früher lange im Schatten von Didier Drogba, hat dabei aber seine Sache meist gut gemacht und war in der Premier League etabliert. Bei Hertha wird nun erwartet, dass er ein Führungsspieler ist. Das hat bislang nicht geklappt. Dafür ist er nicht der Typ. Man muss bedenken, dass Kalou kein richtiger Mittelstürmer ist, lieber mit zwei Spitzen agiert. Ich denke, man muss jetzt ein wenig Druck von Kalou nehmen und viele andere Profis in die Pflicht nehmen.

Die Mannschaft muss insgesamt offensiv besser, vielseitiger und unberechenbarer werden. Warum gibt es denn keinen Mittelfeldspieler, der einmal zehn Tore in einer Spielzeit schießt? Kalou wird bestimmt kein Adrian Ramos mehr. Der Kolumbianer war zielstrebiger, schneller und kopfballstärker. Ich hoffe, dass Sami Allagui, wenn er wieder fit ist, Kalou gut unterstützen wird. Kalou kennt nun auch die Bundesliga und sollte in der Lage sein, vielleicht 10 bis 12 Tore zu schießen. Ausreden gibt es allerdings für ihn keine mehr."

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Karl-Heinz Granitza (Jahrgang 1951/73 Bundesligaspiele für Hertha/34 Tore): "Ich will nicht in den Verdacht geraten, als Besserwisser dazustehen. Auch wir Stürmer haben in den 70er Jahren nicht alles richtig gemacht. Aber ich erwarte schon von einem Mann wie Kalou, der Millionen verdient, dass er 10 bis 15 Tore für Hertha schießt. Wenn er nicht trifft, hat das nichts mit dem Spielsystem zu tun, sondern mit der individuellen Qualität des Spielers. Sechs Tore in der Vorsaison sind nicht gut genug für einen Profi wie Kalou.

Ich habe das Testspiel gegen Genua gesehen und war erschrocken über die Offensive. Da war viel „tote Hose“. Ich habe zuletzt auch die Spiele von Herthas U23 live erlebt. Fabian Eisele hat wunderbare Tore geschossen und Tony Fuchs war ein toller Vorbereiter. Beide würde ich zu den Profis hochziehen. Die besitzen schon viel Qualität und hätten aus meiner Sicht eine Chance verdient. Pal Dardai hätte als Trainer nichts zu verlieren. Aber Kalou muss nun beweisen, dass er sein Geld auch wert ist. Hertha spielt in einem tollen Stadion und hat treue Anhänger. Da muss es doch einfach Spaß machen, viele Tore zu schießen."

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Detlev Szymanek (Jahrgang 1954/40 Bundesligaspiele für Hertha/14 Tore): "Man sollte die Lage in der Berliner Offensive im Moment nicht dramatisieren. Es werden zu Saisonbeginn elf Spieler auf dem Platz stehen, die alle topfit sind. Dafür hat das Trainerteam gesorgt. Und außer Kalou gibt es noch andere Spieler mit offensiven Qualitäten. Noch war Vorbereitung. Erst beim Pokal in Bielefeld müssen alle auf den Punkt hundert Prozent da sein.

Ein Salomon Kalou wird seine Spielweise wohl kaum ändern. Er benötigt viele gut Zuspiele, um effektiv zu werden. Dennoch frage ich mich oft, warum keine überdurchschnittlich guten Stürmer aus der Region gefunden und zu Hertha geholt werden. So einer wie Tim Kleindienst von Energie Cottbus oder vor Jahren Nils Petersen. Aber ich lege mich jetzt fest: Salomon Kalou trifft am Montag beim Pokalspiel in Bielefeld!"

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Fredi Bobic (Jahrgang 1971/54 Bundesligaspiele für Hertha/8 Tore): "Ganz klar: Ich sehe Salomon Kalou zuerst positiv. Ich habe ihn einst schon in Lille stürmen sehen und das sehr erfolgreich. Er ist natürlich kein typischer Neuner, kein klassischer Mittelstürmer. Man darf bei Hertha nun nicht alles auf ihn fokussieren, er braucht auch Hilfe. Kompakte Außenstürmer und vielleicht ein starker Zugang Vladimir Darida im Mittelfeld und dann Kalou – das könnte funktionieren.

Auch wenn Kalou zu wenig getroffen hat, er war in der Vorsaison an fast allen gefährlichen Situationen, die Hertha kreierte, beteiligt und hat oft gute Zulieferdienste geleistet. Er ist für mich schon ein hervorragender Stürmer."
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Fazit: Die Meinungen über Kalou gehen auseinander. Das verwundert nicht. Es bleibt die Hoffnung auf Besserung. Die Zeiten, als bei Hertha gleich zwei Stürmer in einer Saison zweistellig trafen, liegen weit zurück. 2006/07 waren das etwa Marko Pantelic (14 Tore) und Christian Gimenez (12 Tore) oder 2005/06 Marcelinho (12) und Pantelic (11). In der Zweiten Liga trafen 2012/13 Ronny (18) und Ramos (11) aus allen Lagen. Vielleicht sollten die Trainer Kalou einmal ein paar alte TV-Berichte von diesen gierigen Torjägern zeigen. Solch Anschauungsunterricht kann durchaus animieren.

Darauf ein optimistisches Ha-Ho-He!