Ab und an habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, dass ich für den lukrativen Job des Spielervermittlers/Beraters im Fußball-Geschäft auch ganz gut geeignet gewesen wäre. Vielleicht hätte ich es dann bis zum Millionär gebracht. Wer weiß? Mein Telefonbuch war mit privaten Nummern starker Spieler jedenfalls immer gut gefüllt. Stattdessen habe ich mein Leben doch lieber als Sportjournalist verbracht, wo solch ein Telefonbuch auch von Nutzen war und noch immer ist.

Als Spielervermittler aber – so meine Gedanken in grauen und nasskalten Januartagen am heimischen Schreibtisch – würde ich mich den gesamten Januar über im türkischen Belek aufhalten. Der Ort nahe der Touristen-Hochburg Antalya ist allerdings wenig attraktiv, ein paar Straßen mit Dönerbuden und kitschigen Souvenirläden sind im kleinen Zentrum zu finden. Doch am kilometerlangen Sandstrand reihen sich moderne Bettenburgen mit Swimmingpools und hoteleigene sehr gepflegte Fußballplätze wie an einer Perlenkette aufgezogen aneinander. Die meisten locken mit „All-inclusive“-Angeboten.

"Höchste Rasenplatzdichte der Welt"

Schon 80 solcher tollen Fußballplätze soll es in Belek inzwischen geben. Der Ort wirbt längst mit der „höchsten Rasenplatzdichte der Welt“. Dazu kommen 15 anspruchsvolle Golfanlagen. All das – und die moderaten Preise – zieht winterpausierende Fußballmannschaften magisch an. Manchmal drängeln sich beinahe 100 Mannschaften aus ganz Europa auf den Plätzen von Belek. Das ist natürlich auch ein Eldorado für Spielervermittler und Scouts aller Coleur. Die verstecken sich tatsächlich bei jedem der vielen Testspiele auf den kleinen Tribünen und bevölkern hernach mehr oder weniger unauffällig die Lobbys in den Mannschaftshotels.

Ab Sonntag bereitet sich auch Hertha erneut in Belek auf die Rückrunde vor. Viermal waren die Berliner schon dort: Einmal vor vielen Jahren unter Trainer Huub Stevens, einmal mit Michael Skibbe und zweimal mit Jos Luhukay als Chef. Wenn Mannschaft, Trainer, Offizielle, Betreuer, Journalisten und Fans nach Belek aufbrechen, kann man getrost von einem Betriebsausflug sprechen. Doch für jede dieser Gruppen, die sich alle eine erfolgreiche Rückrunde wünschen, sind die Tage im Trainingslager sehr unterschiedlich ausgefüllt.

Es gibt Journalisten, die solche Termine gern meiden, weil ihnen die Nähe zur Mannschaft zu anstrengend ist. Es gibt aber auch Journalisten, die gern in solche meist eine Woche andauernden Trainingslager fahren. Zu denen gehörte auch ich. Es ist reizvoll, ein paar Tage beinahe im Rhythmus des Teams zu leben und jeden Tag nach einer neuen Geschichte zu suchen. Früher war das Geben und Nehmen zwischen Medien und Profis noch viel intensiver, da Berliner Journalisten lange Zeit das Privileg besaßen, im gleichen Hotel wie die Mannschaft zu wohnen.

Lunger-Journalismus in der Hotellobby

Das hatte Vorteile, da man oft kleinste Details mitbekam, aber es gab auch Nachteile. Im Rangeln um eine Story war man beinahe rund um die Uhr auf der Lauer, wollte nichts verpassen und den Kollegen nicht die interessantere Geschichte überlassen. „Lunger-Journalismus“ in der Hotellobby nannten wir unser Treiben intern. Vor gut zehn Jahren aber war auch den Hertha-Akteuren das enge Zusammensein mit ihren Kritikern zu viel. Seitdem wohnt man getrennt, aber dennoch recht nah beieinander – wie auch im türkischen Belek, wo beide Hotels nur ein fünfminütiger Fußweg trennt. Das ist stressfreier für alle Beteiligten.

Die Trainer, die mit ihren Teams im Winter gen Süden fliegen, hoffen natürlich auf Sonne, blauen Himmel und ideale Rasenplätze. Immer wieder gab es aber auch Überraschungen und Wetterkapriolen. In Marbella etwa schüttete es einst einige Tage Wassermassen vom grauen Himmel. Im Hertha-Domizil, dem Golfhotel Guadalmin, stellten die Hotelangestellten überall Eimer auf, um das Wasser aufzufangen. Man kam kaum trockenen Fußes zum Frühstücksbufett. In Palma de Mallorca schneite es gar, als sich Hertha unter Friedhelm Funkel in der Winterpause neue Kraft holen wollte. Das misslang bekanntlich und vier Monate später war das Team abgestiegen.

Da in den Januar auch die Transferperiode II fällt und noch einmal Spieler gekauft und verkauft werden können, war oft für Spannung gesorgt. In Marbella verhandelten einst die Hertha-Bosse mit dem Norweger Trond-Fredrik Ludvigsen bis zwei Stunden vor Schließung des Transferfensters. Da wir Journalisten ebenfalls Redaktionsschluss hatten, aber noch immer bis in die späten Abendstunden gefeilscht wurde, stürmte einst ein Kollege der Berliner Morgenpost in den Verhandlungsraum und mahnte zur Eile. Der Transfer war wenig später perfekt, die Story samt Andruck gerettet. Doch die Verpflichtung des jungen Norwegers mit viel Brimborium erwies sich später als Flop. Ludvigsen bestritt nur zwei Erstligaspiele für Hertha …

Teambildung in der Fremde

Der Januar 2015 scheint für Hertha auf dem Transfermarkt relativ ruhig zu sein. Hany Mukhtar (19) wechselt zu Benfica Lissabon und vielleicht holt Manager Michael Preetz noch einen kreativen Mann fürs Mittelfeld nach Berlin. In Belek wird man Preetz jedenfalls meist mit dem Handy am Ohr beobachten können.

Für die Profis selbst sind solche Tage in der Rückrunden-Vorbereitung vor allem eins: harte Arbeit mit meist zwei intensiven Übungseinheiten am Tag. Als der Georgier Lewan Kobiaschwili (351 Bundesligaspiele) im Januar 2014 in Belek sein letztes und insgesamt 50. Trainingslager als Profi bestritt, ehe er im Sommer seine Karriere beendete, sagte er mir: „Eines werde ich nach meiner Laufbahn garantiert nicht vermissen. Das sind diese Trainingslager!“ Für Kobiaschwili war eine Woche im Ausland eng zusammen mit dem Team genug, „alles, was länger ist, wird nervig. Dann sehnt man sich nach seiner Familie und seinem gewohnten Umfeld.“

Vor allem für die Teambildung ist solch ein Trainingslager gedacht, für neue taktische Dinge und auch für das langsame Heranführen einst verletzter Spieler. Der Trainer versucht zudem meist, den Konkurrenzkampf im Team anzukurbeln. Für die Fans, die neben Profis und Journalisten dritte Gruppe in Belek, ist solch ein Aufenthalt ideal. So nah kommen sie ihren Lieblingen selten. Bei den Trainingseinheiten und den Testspielen sitzen sie in Belek so nah am Spielfeld, dass sie jeden Zuruf, jedes Detail, jede Meckerei genau verfolgen können. Zudem gibt es sicher den obligatorischen Treff zwischen Mannschaft und Anhang bei einem Kaffee.

In Belek startete Skibbes Absturz

Dreimal in Serie war ich zuletzt mit Hertha in Belek. Die Voraussetzungen nach dem Abschneiden in der jeweiligen Hinrunde, das natürlich die Stimmung maßgeblich bestimmt, waren sehr unterschiedlicher Natur. Im Januar 2012 hatte gerade der in der Türkei bekannte Michael Skibbe den Cheftrainerposten von Markus Babbel übernommen. Das Team stand auf Platz 11 in der Bundesliga und hatte 20 Punkte gesammelt. Optimismus überall. Was folgte, war ein unglaublicher, nicht vorhersehbarer Absturz, Skibbes schnelle Entlassung und der Abstieg, den auch Altmeister Otto Rehhagel später nicht verhindern konnte.

Im Januar 2013 eroberte Hertha mit dem Trainer Jos Luhukay Belek, stand in der Zweiten Liga mit 36 Punkten auf Platz 2 und es folgte der souveräne Wiederaufstieg. Im Januar 2014 war die Stimmung noch gelöster. Nach der Hinrunde in der Bundesliga hatte die Mannschaft mit 28 Punkten einen sensationellen 6. Platz in der Tabelle eingenommen und im letzten Spiel vor Belek mit 2:1 in Dortmund gewonnen. Was folgte war eine schwache Rückrunde und am Ende Platz 11.

Und nun? Hertha steht auf Platz 13, hat 18 Zähler auf dem Konto und ein 0:5 zu Hause gegen Hoffenheim kurz vor Weihnachten zu verarbeiten. Eigentlich müssten nun eine heftige Trotzreaktion und eine ordentliche Rückrunde folgen. Für einen Lagerkoller, wie auch schon vorgekommen, ist der Aufenthalt in Belek viel zu kurz. Man hat sich an die Worte von Lewan Kobiaschwili gehalten – eine knappe Woche intensives Zusammensein und nicht länger. Darauf ein optimistisches Ha-Ho-He und gutes Wetter!