Nach gut einer Stunde Spielzeit hätte Ronny zum Helden der fast 60.000 Fans im Berliner Olympiastadion werden können. Beim Bundesliga-Auftakt am zurückliegenden Wochenende stand es gegen Werder Bremen 2:2 und Hertha bekam einen Freistoß aus guter Position vor dem Bremer Strafraum zugesprochen. Die Ostkurve raunte wie immer den Namen „Roooonnnnyyy“. Der Brasilianer, 28, lief an und donnerte den Ball ganz knapp am rechten Pfosten vorbei. Zuvor war er an beiden Berliner Treffern beteiligt, hatte jeweils mit schönen Pässen die Vorarbeit für den letzten Torvorbereiter geleistet. Pre-Assist nennt man das wohl heutzutage. Ronny gehört zu den wenigen Fußballprofis in der Liga, dessen Name von den Tribünen im Chor gerufen wird und der als Publikumsliebling mit all seinen Stärken und Schwächen gelten darf.

Ronny hatte im Juli bei der Vorstellung der Mannschaft kein Übergewicht mehr wie oft in den Jahren zuvor, als er im Heimaturlaub zu viele braune Bohnen und andere Dinge genossen hatte. Ronny ist tatsächlich schlank geworden, nur seine Pausbacken im Gesicht sind geblieben. Seine großartige Bilanz aus der Aufstiegssaison 2012/13, in der er 18 Tore (darunter gewaltige Freistoß-Hämmer) und 14 Assists schaffte, hat der Anhang nicht vergessen und ihm viele folgende schwache Auftritte verziehen. Immer wenn Ronny zu einem seiner von allen Torhütern gefürchteten Freistöße anläuft und mit seinem linken Zauberfuß schießt, halten die Fans den Atem an und schreien zuvor seinen Namen. Vielleicht macht ihm das bevorstehende Spektakel, ein Schuss wie ein Kanonenschlag, zum Liebling? Oder die Erinnerung an einen Straßenfußballer, von denen es nicht mehr viele gibt?

In der Geschichte der Bundesliga kann man Profis, deren Namen von den Massen gerufen wurden und werden, an den Fingern einer Hand abzählen. Mir fallen lediglich Uwe Seeler („Uwe, Uwe!“) in den 60er und 70erJahren und viel später Rudi Völler („Ruuuudiiii!“) ein. Es sind beides sehr volkstümliche Spieler, die trotz ihrer enormen Popularität nie abhoben. Und es sind, wie im Fall Ronny, auch immer Spieler, die einen kurzen Namen haben, der sich zum kollektiven Rufen gut eignet. Es ist ja etwa nur schwer vorstellbar, dass die Massen auf den Tribünen Cal-ha-nogluuuu, Blas-zczy-koooowski, Aubaaaaameeeeyangggg oder Eriiiiiic-Maxiiiiiiim und Jaaaan-Ingweeeer skandieren.

Mit Manfred Sangel, der seit 1965 ins Olympiastadion geht und seit 1989 Chef des Fanradios „Hertha-Echo“ ist, habe ich versucht, aus vielen Jahren Bundesliga eine Liste der Hertha-Publikumslieblinge zu erstellen. Sie reicht von Helmut Faeder über Marko Pantelic bis zu Ronny. Sie ist natürlich unvollständig, subjektiv und zum diskutieren geeignet.

Der erste Liebling der Massen war der legendäre Hanne Sobek, Kapitän, Anführer und herausragender Spieler der Meistermannschaft von 1930 und 1931. Sobek war schon so etwas wie ein Star, war mit bekannten Schauspielern seiner Zeit befreundet und dennoch ein Mann zum Anfassen geblieben. Als die Bundesliga 1963 laufen lernte, galt der schussgewaltige Helmut Faeder, genannt der „Dicke“, als Liebling im Olympiastadion, später waren das der unermüdliche Erich „Ete“ Beer, der kampfstarke Ludwig „Luggi“ Müller, auch der kompromisslose Dauer-Verteidiger Michael Sziedat und Torjäger Lorenz Horr, der die Bälle in typischer Art mit seinem „Wackel-Hintern“, so jedenfalls Augenzeuge Sangel, verteidigte und nach dem Bundesligaskandal 1971 als seriöser Profi mit positivem Image neue Hoffnung verbreitete.

Viel später, in oft tristen Zweitligazeiten, stieg Mittelstürmer Theo Gries zu einem Liebling der Fans auf. Auch „Theo, Theo“-Rufe gab es im Olympiastadion zu hören. Kämpfer Gries hatte sich einmal die Schulter ausgekugelt, lief zum Spielfeldrand und renkte sie sich selbstständig wieder ein. Solch Heldentaten vergisst das Publikum nicht. Gries, der für Hertha 67 Tore in der Zweiten Liga schoss, war der erste Hertha-Profi, nach dem sich ein Fanklub benannte (HFC -Theo Gries). Später waren es Axel Kruse, Kapitän der Aufsteigermannschaft 1997, der sich von niemanden etwas gefallen ließ (schon gar nicht von den Schiedsrichtern) oder Eyjölfur „Jolly“ Sverrisson, die sich den Beinamen Publikumsliebling verdienten. Der Isländer stand zudem besonders hoch in der Gunst der weiblichen Anhänger.