Am letzten Spieltag der Bundesliga bekam ich eine nostalgische Anwandlung. Ich hörte mir das Drama um den Klassenerhalt, den noch sechs Mannschaften inklusive Hertha am zurückliegenden Sonnabend nicht sicher hatten, im guten alten Radio an. Für die Konferenzschaltung muss man Nerven besitzen. Meine wurden arg strapaziert. Zusätzlich lief der Live-Ticker der Hertha-Homepage auf meinem iPad.

Radiohören war toll und unglaublich spannend - und die Konferenz fand ja für Hertha ein gutes Ende. Nach der ersten Freude und riesigen Erleichterung stellte sich bei mir jedenfalls ein leichter Beigeschmack ein. Richtig jubeln konnte ich nicht. Mit zwei isländischen „Brennivin“ (Islands klarster Geist), ein Geschenk des ehemaligen Hertha-Profis Eyjölfur Sverrisson, spülte ich die Saison hinunter. Ich hatte in Hoffenheim eine bessere, eine noch kampfstärkere Hertha-Mannschaft erwartet. Mit mehr Leidenschaft, mehr Biss, mehr Willen. Hannover 96 war Berlin an diesem Tag Gott sei Dank auch wohl gesonnen.

Keine Lust mehr auf Zittern

Auf noch solch eine Zittersaison mit oft schwachen Leistungen habe ich wenig Lust und befinde mich damit im Konsens mit zahlreichen Fans und Vereinsmitgliedern. Die bejubelten am Dienstagabend im äußerst nüchtern-funktionalen CityCube, der den Charme eines Betonklotzes besitzt, vor allem Trainer Pal Dardai. Und das zu Recht.

Von Manager Michael Preetz hatte ich danach eine erste kritische Analyse der Saison erwartet, eine Rede voller Emotionen. Doch die Ansprache fiel so nüchtern aus, wie es der CityCube als Veranstaltungsort war. Fakt ist, dass die Verantwortlichen noch Zeit benötigen, um diese Saison, die mit acht Zugängen (für über 14 Millionen Euro Ablöse erworben) so hoffnungsvoll begann, fundiert aufarbeiten zu können.

Fakt ist auch, das letztendlich der Klassenerhalt gesichert werden konnte, was immer wieder angesichts der harten Konkurrenz ein gewaltiger Kraftakt ist. Fakt ist aber auch, dass viele im Saal eine selbstkritischere erste Analyse vom Manager erwartet hatten mit kleinen Ausblicken auf die neue Saison. Einige Mitglieder forderten den Rücktritt von Preetz, der weiter den absoluten Rückhalt des Präsidenten Werner Gegenbauer besitzt.

„Ich werde den Teufel tun.“

Viele kamen mit Fragen. Wird es zahlreiche oder eher wenige personelle Veränderungen geben? (nur der Vertrag von Marcel Ndjeng im 27-Mann starken Kader läuft aus). Wo will und muss man sich verstärken? Besitzt man dafür genügend Geld? Wie sind die neuen Ziele? Immerhin: Mit Pal Dardai soll am heutigen Mittwoch gesprochen und ein Vertrag als Cheftrainer ausgehandelt werden.

Nur einmal wurde Preetz, der sich als Spieler auf dem Rasen stets verausgabt hatte, etwas emotionaler. „Ich werde den Teufel tun und mich dafür schämen, dass wir das Saisonziel erreicht haben.“ Der Manager soll sich natürlich nicht schämen, aber er sollte auch der Mitgliedschaft exaktere Einblicke in die Denkweise der Vereinsführung geben und durchaus Hoffnung auf bessere Zeiten vermitteln - ohne dabei Luftschlösser zu bauen. Nüchternen Realismus verbreitete der Präsident: „Auch in der kommenden Saison werden wir zwischen Platz 10 und der Relegation herauskommen. Das spiegelt die Möglichkeiten von Hertha BSC wider!“

Sehr erfreulich: Am 30. Juni, dem Stichtag in Sachen Finanzen, wird Hertha BSC die „zinstragenden Verbindlichkeiten“ auf Null stellen können! Das ist schon beinahe historisch zu nennen nach Jahrzehnten in einem stressigen Leben voller Schulden. Beifall und Chapeau!

Spieler müssen die Fans mitreißen

Dennoch und gerade wegen der stabilen wirtschaftlichen Lage sollte sich einiges bei Hertha verändern. Ich gehe davon aus, dass Pal Dardai sich für die Verpflichtung von charakterstarken, kämpferischen Profi einsetzen wird. Es fehlen Spieler, die mit ihrer individuellen Klasse – gepaart mit Charisma oder auch Ecken und Kanten – die Fans mitreißen und die Spiele entscheiden können.

Das Team braucht Gesichter, meinetwegen auch Idole, die sich Berlins Kinder als Poster ins Zimmer hängen. Auch deshalb geht man doch ins Stadion! Hertha sollte möglichst modernen, wieder attraktiveren Fußball spielen und dazu bodenständig und weltoffen auftreten. Beides schließt sich nicht aus. Und – das ist mein Wunsch – die Mannschaft sollte wieder stärker in die Kieze gehen mit regelmäßigen öffentlichen Trainingseinheiten, wie einst schon sporadisch geschehen.

Auch gelegentliche Testspiele der Reservisten gegen unterklassige Berliner Mannschaften erhöhen das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Klub und Stadt. Hertha muss wieder anfassbarer werden, so dass die Leute nicht von „der Hertha“ reden, sondern endlich sagen: „Meine Hertha!“