Wie geht ein ehemaliger Profi, der laut der zuverlässigen Internetplattform „transfermarkt.de“ insgesamt 43.638 Minuten in Pflichtspielen auf dem Platz stand, damit um, nicht mehr an jedem Morgen zum Training gehen zu können? Aber, was ich mir noch schwieriger vorstelle: Wie verkraftet er es, kein Spiel mehr zu bestreiten und nicht mehr den Jubel und den Beifall der Fans einheimsen zu können?

Mir ist klar, dass dies ein Problem sein kann, zumal ich (ja, der Vergleich hinkt stark) zeitgleich mit Lewan Kobiaschwili meine aktive Karriere beendet habe: als Tageszeitungs-Journalist, Kobi als erfolgreicher Profi. Ein wenig aber, das mag man mir bitte zugestehen, kann ich mich in die Gefühlswelt des 37-Jährigen hineinversetzen, auch weil ich seine Laufbahn in den letzten vier Jahren hautnah begleiten konnte und wir beide in den zurückliegenden Spielzeiten häufiger über ein nahendes Karriereende und die anstehenden Veränderungen sprechen konnten.

Wir haben uns erneut getroffen - im Medienraum von Hertha. Unsere Umarmung war herzlich. Für ein, zwei Cappuccini, wie einst im Wiener Cafe in Neu-Westend, reichte dieses Mal die Zeit nicht aus. Kobis Arbeitstag war noch nicht zu Ende, er musste noch einmal in die Jugend-Akademie. Im Medienraum prangt das neue Mannschaftsfoto an der Stirnwand. Es ist das erste Mal nach vielen Jahren, dass Lewan Kobiaschwili nicht auf einem dieser traditionellen Gruppenfotos zu sehen ist.

Ich erinnerte ihn zu Beginn an seine Worte aus dem Monat Mai, als er die letzten Minuten seiner Laufbahn vor sich hatte. Damals sagte er: „Wenn ich zu Beginn der neuen Saison aufs Vereinsgelände komme, kann es passieren, dass ich zuerst automatisch in die Mannschaftskabine renne. So wie immer.“ So ist es dann doch nicht gekommen.

Manche Ex-Profis verzockten sich, andere huldigten dem Alkohol

Kobiaschwili, der sagenhafte 351 Erstligaspiele für Freiburg, Schalke und Hertha bestritt und auch 86 Zweitligaduelle erlebte (für Freiburg und Hertha), der mit 100 Länderspielen der Rekordinternationale von Georgien ist, scheint sich mit der neuen Situation, dem neuen Lebensabschnitt zu arrangieren. Das ist garantiert kein einfacher Vorgang, wenn man so viele Jahre im Rhythmus der Bundesliga arbeitete und in festen Tagesstrukturen und Abläufen lebte. Es gibt viele Beispiele, wo einst erfolgreiche und auch umjubelte Profis völlig unvorbereitet in den neuen, unbekannten Lebensabschnitt wechselten. Manche verzockten sich, langweilten sich enorm, verloren ihr vieles Geld, andere huldigten dem Alkohol.

Ich behaupte jedenfalls, dass Lewan Kobiaschwili das neue Leben meistern wird. Er ist ein intelligenter und sehr integrer Mann und ein Familienmensch dazu. Und – er will Neues lernen und anpacken. Das Problem ist derzeit nur, er weiß noch nicht genau, wohin sein Weg führen soll. Trainer? „Eher nein.“ Manager: „Ist vorstellbar.“