Unmittelbar vor der Pressekonferenz von Hertha gegen Bayern lief mir Dodi Lukebakio zum ersten Mal über den Weg. Der junge Stürmer, mit 20 Millionen Euro Ablöse der teuerste Hertha-Profi aller Zeiten, lächelte und grüßte freundlich. Ein Kollege sah ihm hinterher und sagte: „Mensch, hat der schlanke, dünne Beine! Wie kann er denn damit so viele Tore schießen?“

Mich erinnert Lukebakio an Adrian Ramos, den Kolumbianer, der einst wunderbare Treffer für Hertha schoss. Auch der lief mit langen dünnen Beinen über den Platz und wirkte beinahe staksig. Die Form der Fußballerbeine ist ja nicht entscheidend für Erfolg oder Misserfolg. Ein Held meiner Kindheit, der brasilianische Dribbelkünstler Garrincha, hatte gar ein linkes O-Bein und ein rechtes X-Bein. Damit spielte er seine Gegner schwindlig.

Lukebakio, 21 Jahre jung, wirkt auf mich einen bodenständig. Unter der Tatsache, Herthas Rekordtransfer seit Bestehen der Bundesliga zu sein, scheint der Belgier nicht zu leiden. Zum Glück tragen die Profis keine Preisschilder auf dem Trikot: Lukebakio: 20, Selke 8,5 oder Duda 4,2 Millionen.

Beim Liga-Auftakt in München zeigte Lukebakio, was er mit seinen langen Beinen alles anfangen kann. Bei seinem Treffer zog er elegant von links in die Mitte und schloss vehement ab. Er erzielte in der Vorsaison für Fortuna Düsseldorf bei einem spektakulären 3:3 beim FC Bayern alle drei Tore. Sein Bekanntheitsgrad schoss so schnell in die Höhe wie der Lift im Berliner Fernsehturm. Mit nun insgesamt vier Toren in der Münchner Arena steht er auf einer Stufe mit Cristiano Ronaldo und Markus Rosenberg. Das gilt schon als eine kleine Heldentat.

Mir kam sofort in den Sinn, ob denn Lukebakio das Zeug zum neuen Liebling in der Ostkurve des Berliner Olympiastadion hat?

Einige Eigenschaften, diesen Status zu erreichen, besitzt er durchaus. Er spielt attraktiv, schießt Tore, sieht zudem gut aus, was für die weiblichen Fans eine Rolle spielt und sein Name eignet sich bestens für Sprechchöre aus der Kurve. „Dooodiiii! Dooodiiii!“ könnte es in Zukunft heißen. Bei Hertha riefen vor Jahren die Anhänger inbrünstig „Rooonnnnyyy! Roonnnyyyy!“ wenn der meist übergewichtige Brasilianer zum gefürchteten Freistoß anlief. Das war Kult.

Immer wieder klagten Hertha-Fans zuletzt, dass ihnen echte, kantige Typen im Team fehlen, wegen denen man schon allein ins Stadion geht – so wie einst bei Marcelinho oder Marko Pantelic. Das waren Publikumslieblinge – ohne Wenn und Aber! In der Regel ist es das Gesamtpaket aus vielen Eigenschaften, die einen Profi zum Liebling der Kurve machen.

"Gebt Lukebakio Zeit"

Sein Auftreten auf und neben dem Platz, seine Tore, seine Vita, seine Gesten, seine besonderen Taten, sein Äußeres gehören dazu. Und oft seine Unvollkommenheit im „wahren“ Leben, die meist Nähe zu den Anhängern schafft. Marcelinho etwa, genial auf dem Rasen, war gutmütig, leichtgläubig und feierwütig. Der extrovertierte Pantelic trat oft theatralisch auf und polarisierte, weil er keine vorgefertigten Statements abgab. Auch Vereinstreue und Kampfstärke sind Kriterien, um in der Gunst der Fans zu steigen, wie bei Pal Dardai oder bei Fabian Lustenberger geschehen.

Und Lukebakio? „Gebt ihm Zeit!“, sagt altgedienter Fan, „zum Publikumsliebling wird man nicht an einem Tag geboren. Das muss man sich hart erarbeiten.“ Da hat er Recht.