Vor ein paar Tagen hatte ich ein unschönes Erlebnis. Ein ganz kurzer Schmerz durchzuckte mein rechtes Knie, obwohl ich nichts Ungewöhnliches sah. Es war wohl eher ein eingebildeter Schmerz, ein psychisches Phänomen, weil ich unmittelbar zuvor vom zweiten Kreuzbandriss innerhalb eines Jahres bei Herthas Mittelfeldspieler Alexander Baumjohann erfahren hatte. Das bewegte mich sehr. Mindestens sechs Monate, wahrscheinlich aber acht oder gar neun Monate wird Baumjohann brauchen, um wieder in der Bundesliga auf dem Rasen stehen zu können.

Verletzung beim Training

Beim Training hatte sich der 27-Jährige erneut das vordere Kreuzband im rechten Knie gerissen. Ohne jegliche Vorwarnung seines Körpers, wie aus heiterem Himmel. Welch Tragik nach der gleichen schlimmen Verletzung aus dem August 2013! Ist die Karriere damit schon zu Ende? Beginnt nun alles wieder von vorn – Operation, an Krücken gehen, die monatelange Reha, das Quälen an den Geräten, die schier ewige Zeit, ohne einen Ball berühren zu dürfen?

Baumjohann, das kann für ihn keinerlei Trost sein, ist nicht allein mit dieser für jeden Fußballer schlimmsten Verletzung. Die Kreuzbandrisse traten in dieser noch so jungen Saison gehäuft auf. Sead Kolasinac von Schalke 04 hatte es vor Tagen erwischt, zuvor traf es Javier Martinez vom FC Bayern und zuletzt Eintracht Frankfurts Zugang Nelson Valdez.

Meine eigenen Kreuzbänder sind noch intakt. Ich habe meine Knie nicht überstrapaziert und es vor vielen, vielen Jahren als junger Mann im Fußball nur bis in die Auswahl meiner Universität gebracht. Die Belastung der Bänder war also überschaubar. Dennoch beruhigte mich die Aussage eines Experten.

Leistungssportler müssen schnell operiert werden

Der in Berlin ansässige Orthopäde Dr. Gerhard Eller, den ich nach Ursachen und Behandlungsmethoden von Kreuzbandrissen befragte, sagte: „Wenn Sie als normaler Mensch mit einem Kreuzbandriss zu mir kommen, ist das kein Weltuntergang!“ Na bitte, kein Weltuntergang. Gott sei Dank! Man muss wohl nicht gleich und unter allen Umständen unters Messer. „Bei Leistungssportlern“, sagt Eller, „muss aber meist recht schnell operiert werden, damit in Zukunft noch extreme Belastungen und Sport auf hohem Niveau möglich sind.“

Die Sache ist natürlich nicht sehr appetitlich. Meist werden bei einer Operation eigene Sehnen aus dem Oberschenkelmuskel oder von der Patellasehne implantiert. „Das Kreuzband“, sagt Eller, „besitzt auch eine wichtige Sensorfunktion. Es sendet Informationen ans Gehirn, wenn eine Belastung am Limit ist. Nach Implantaten ist diese Rückkopplung nicht mehr gewährleistet.“

Alexander Baumjohann bekam bei seiner ersten OP eine Patellasehnenplastik verpasst. Eine sechs Zentimeter lange Narbe zeugt von diesem Eingriff. Nun der zweite Riss, passiert ohne gegnerische Einwirkung im Training, was die allgemeine Statistik bestätigt. Rund 70 Prozent der Kreuzbandrisse erfolgen ohne Fremdeinwirkung. Wer hätte das gedacht! Baumjohann war auf dem Schenckendorffplatz umgekickt. Dem neuen Mitspieler Jens Hegeler stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben: „Wahnsinn! Das ist brutal!“, stammelte er. Kapitän Fabian Lustenberger sprach von einem „Schock für uns alle“ und Trainer Jos Luhukay kam ein leises „grausam“ über die Lippen, als sein Spieler von Helfern gestützt vom Platz humpelte und später die niederschmetternde Diagnose erfolgte.

Auch Patrick Ebert traf es 2010

Baumjohann ist natürlich nicht der erste prominente Hertha-Profi, den diese Verletzung weit zurückwirft. Aber zwei Kreuzbandrisse innerhalb eines Jahres besitzen Seltenheitswert. Ich habe als Reporter erlebt, wie sich Patrick Ebert im Sommer 2010 das Kreuzband riss. Seinen Aufschrei habe ich noch in den Ohren. Diese Verletzung war aber eine „mit Ankündigung“.

In einem Test beim SSV Ulm jagte Ebert völlig übermotiviert einem eigentlich nicht zu erreichendem Ball hinterher und krachte mit voller Wucht in den gegnerischen Torhüter. Im Dezember 2011 erwischte es Maik Franz nach einigen harten Zweikämpfen auf dem Betzenberg in Kaiserslautern, sein Comeback feierte er im August 2012. Und im Mai 2012 traf es Pierre-Michel Lasogga im Bundesliga-Duell gegen die TSG 1899 Hoffenheim. Im Januar 2013 stand der bullige Stürmer vorsichtig wieder auf dem Platz.

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