Nun ist es raus: Hertha BSC gibt sich dem Glücksspiel hin. Ob das ein geschickter Schachzug ist? Ich kann es noch nicht beantworten. Die bet-at-home-Gruppe, die künftig der Hertha Glück und natürlich viel Geld bringen soll, hat Gesellschaften in Deutschland, in Österreich, auf Malta und in Gibraltar. Die Insel Malta und der Felsen von Gibraltar gelten in Sachen Wettbranche als beliebte, aber nicht unbedingt als total seriöse Adressen. Aber egal: Der vom Verein noch nicht bestätigte Deal soll Hertha bei einem Dreijahres-Vertrag rund 18 Millionen Euro einbringen!

Das wäre ein gutes Geschäft und würde Hertha ins obere Drittel der Hauptsponsoren-Geld-Tabelle der Liga katapultieren. Doch die Unterschiede zur Spitze sind dennoch riesig: Bayern kassiert von der Telekom rund 30 Millionen Euro im Jahr. Noch ganz andere Dimensionen gibt es in der Premier League. Manchester United kann sich pro Saison über etwa 58 Millionen Euro von Chevrolet freuen…

Der langjährige treue Hertha-Partner Deutsche Bahn, von 2006 bis 2015 auf der Berliner Brust, zahlte zuletzt etwa 4,5 Millionen Euro pro Saison. Seit Januar war bekannt, das die Deutsche Bahn, ein Schwergewicht unter den deutschen Sponsoren, beim Hauptstadtklub aussteigen wird und künftig nur noch als einer von mehreren „Exklusiven Partnern“ bei Hertha aktiv bleibt. Vermarkter Sportfive aber tat sich offenbar sehr schwer, einen geeigneten Brustsponsor zu akquirieren.

Ein Jahr oben ohne

Das liegt vor allem am wenig berauschenden sportlichen Auftreten und Abschneiden der Berliner, aber auch an der fehlenden Ausstrahlung. Seit Jahren sucht Hertha nach dem geeigneten Image, gilt immer noch überregional eher als unscheinbar. Und das obwohl die Stadt Berlin boomt und zum Eldorado der Gründerszene, der Start-up-Unternehmen wird und ein Touristenmagnet ist – so wie Paris, London oder Rom. Ein Marketingexperte empfahl nun im „Tagesspiegel“ der Hertha gar, ein Jahr „oben ohne“ aufzutreten und den freien Platz für eigene Botschaften zu nutzen. Der Aufmerksamkeitseffekt wäre groß. Der Experte glaubt, dass Hertha das „alte West-Berlin“ verkörpert. Doch das ist mir zu kurz gedacht und erfordert Widerspruch.

Seit vielen Jahren hat der Klub das Umland in Brandenburg erobert und pflegt ein enges Verhältnis zu 22 Partnerstädten. Auch die Anzahl der Fanklubs in den östlichen Berliner Stadtbezirken ist stetig gestiegen, die Zusammensetzung der Zuschauer im Olympiastadion zeigt, dass Hertha ein Gesamtberliner Verein ist. Obwohl das Gros noch immer aus Spandau, Neukölln, Wedding und Charlottenburg kommt, besitzt Hertha auch in Marzahn, Friedrichshain oder Prenzlauer Berg zahlreiche Anhänger, die regelmäßig zu den Heimspielen pilgern. Die Sympathien sind gut verteilt.

Dennoch bleibt die Frage: Warum geht kein junges, frisches, erfolgreiches Berliner Unternehmen auf die Hertha-Brust? Eine attraktivere Werbefläche als die Brust auf den wieder schmucken Trikots des Bundesligisten gibt es im Berliner Sport nicht. Mit Rocket-Internet soll es wenigstens Verhandlungen gegeben haben. Wohl auch mit Opel, was einer ganz anderen Klientel entspricht. Auch hatte ich gehofft, dass die internationalen Verbindungen des strategischen Partners KKR einen Knall-Effekt bei der Hauptsponsorsuche ergeben würden…

An der Wiege des Vereins

Ich habe nun recherchiert: Wenn Bet-at-home auf die Brust kommt, ist es der erste Wettanbieter auf einem Hertha-Trikot in der Ersten Bundesliga. Es gab schon Telekommunikations-Unternehmen (o.telo, Arcor), Textilienhersteller (Trigema/siehe die uralte TV-Werbung mit Firmenchef Wolfgang Grupp und dem Affen) oder den süffigen Likör Mampe (zahlte 1978/79 umgerechnet rund 90.000 Euro) und ein längst untergegangenes Spaßbad (Blub) als Brustsponsoren.

Bevor der Deal mit dem Wettanbieter publik wurde, habe ich nach (nicht ganz ernst gemeinten) Alternativen gesucht. Wie wäre es mit „Herta-Wurst“. Die Herta-GmbH (ohne h!) mit Sitz in Herten/Westfalen wurde immerhin 1897 gegründet und ist damit nur fünf Jahre jünger als Hertha BSC. Tradition verbindet.

Oder „Gesundbrunnen-Center“? Das beliebte Einkaufszentrum liegt immerhin an der Wiege des Vereins. Auch der gut besuchte „Bierbrunnen an der Plumpe“ würde liebend gern auf die Brust gehen. Dort hängen wunderschöne, alte Fotos von den Deutschen Meisterschaften der Hertha aus den Jahren 1930 und 1931 an den Wänden der Kneipe, in die vor vielen Jahren einst auch Hertha-Profis nach dem Training pilgerten. Aber es gab ja kürzlich traurige Meldungen, die vom Aussterben der Berliner Eckkneipen berichten.

Mit einem kuriosen Brustsponsor wäre Hertha nicht allein. Es gab in der Bundesliga schon außergewöhnliche Brustsponsoren, etwa den Kondomhersteller „London“ (beim FC 08 Homburg), Jack Daniel’ s (beim FC St. Pauli) oder auch „Campari“ (beim Hamburger SV).

Nun soll es eben bei Hertha ein Wettanbieter sein. Ein innovatives Berliner Unternehmen hätte besser zum Motto des Vereins „Aus Berlin, für Berlin“ gepasst. Aber die Sponsorensuche ist kein Wunschkonzert. Ich traue mich nun und gebe meine erste Prognose für die neue Spielzeit ab: Ich wette, dass Hertha einen besseren Platz belegt, als in der alten Saison! Mal sehen, wie später die Quoten bei bet-at-home.com sind.

Darauf ein erwartungsfrohes Ha-Ho-He