Die Statistik brachte es an den Tag: Marvin Plattenhardt hatte im Heimspiel gegen den SC Paderborn (2:0) am Ostersonntag die meisten Ballkontakte aller Hertha-Profis – nämlich 82. Eine ganz wichtige Aktion war dabei sein scharf und präzise getretener Freistoß, den Paderborns Torhüter Lukas Kruse nur mit Mühe an die Latte lenken konnte. Den Abpraller verwandelte Valentin Stocker zum erlösenden 1:0. Allein Plattenhardts Kunststoß wäre ein Treffer wert gewesen. Mit Wucht, Gefühl und Effet war der getreten worden. Schon zuvor, beim 1:0-Erfolg der Berliner beim Hamburger SV, war es ein schöner Freistoß von Plattenhardt, der exakt auf dem Kopf von Sebastian Langkamp gelandet war und der so den Siegtreffer schaffte. Das alles passierte in Abwesenheit des verletzten Freistoßspezialisten Ronny, der aber im Moment nicht zur Stammelf zählt.

Später lüftete Trainer Pal Dardai ein wenig das Geheimnis. Er und sein Stab hätten zuletzt den Fokus auf Torschüsse und Standardsituationen in den Übungseinheiten gelegt. „Meine Assistenten üben jede Woche zweimal vierzig Minuten Standardsituationen mit den Jungs. Und jede Woche schießt Marvin besser.“ Schön und gut. Aber da stellt sich die Frage: Hat die Mannschaft zuvor unter Jos Luhukay etwa keine Standardsituationen geübt? Oder nicht so intensiv? Oder hat man sich seinerzeit nur auf den linken Fuß von Ronny verlassen, der in der Liga durchaus gefürchtet ist?

Egal, seitdem Dardai im Amt ist, übt der viel gelobte Plattenhardt, der sich in der Stammformation fest gespielt hat, unentwegt Freistöße. Der versprach nun: „Ich werde weiter an der Präzision arbeiten. Ich hoffe, dann klappt es auch mal wieder mit einem direkten Freistoßtor.“

Aus meiner Sicht schießt Plattenhardt die Freistöße mit mehr Effet als Ronny, dessen Schüsse natürlich noch mehr Wucht und Power besitzen und schon oft wie eine Waffe wirkten.Gute Freistoßschützen besaß Hertha schon einige – zuvorderst die Brasilianer Ronny und Marcelinho. Letzterem gelangen zahlreiche Freistoßtore und der exzentrische Profi verwandelte einst 15 seiner insgesamt 17 Strafstöße. Damit steht er an der Spitze der internen Klubwertung. Ronny wiederum kam mit dem Ruhm, der „Weltrekordler“ der Freistoßschützen zu sein, von Sporting Lissabon nach Berlin. 2006 hatte er in einem Erstligaspiel in Portugal gegen Naval 1° de Maio in Figueira da Foz einen Freistoß verwandelt, den das portugiesische Fernsehen mit unglaublichen 210,9 km/h gemessen hatte. Diese Aktion ist noch immer auf Youtube zu bewundern.

Diese fast utopische Geschwindigkeit konnte er später natürlich nicht mehr erreichen, aber Schüsse mit140 oder150 km/h feuerte er auch in deutschen Stadien ab. Jos Luhukay sprach in Sachen Ronny immer gern von einer „Extraqualität“. In dieser Saison gelangen Hertha BSC immerhin schon 12 Treffer nach Standards, wobei Ronny zu Saisonbeginn beim 2:2 in Freiburg zwei Freistöße direkt verwandelt hatte.

Auch in der Spielzeit 2013/14 kam Hertha auf 17 Treffer nach Standards, kassierte aber im Gegenzug 16 Tore nach Ecken, Freistößen und Elfmetern. Und noch ein Blick weiter zurück: In der Zweitligasaison 2012/13 gelangen 27 Tore nach Standards (Platz 1), wobei Ronny an 20 Aktionen beteiligt war und allein fünf Freistöße direkt verwandelt hatte.
Paderborns Trainer Andre Breitenreiter hatte nach der äußerst zähen ersten Halbzeit zu Ostern im Olympiastadion in der Kabine zu seinen Spielern gesagt: „Solch enge, umkämpfte Spiele werden meist durch eine Standardsituation entschieden.“ So war es dann auch.“

Fakt ist, dass in der Bundesliga seit dem 8. Spieltag mehr Treffer nach Standards fallen, als zuvor. Das Rätsel ist einfach zu erklären: seit dem 8. Spieltag verwenden die Schiedsrichter das zuerst so umstrittene Freistoßspray. Offenbar lieben es die Spieler inzwischen, wenn der Referee die Spraydose zückt und den weißen Schaum auf dem Rasen verteilt. Vielleicht kommen dem einen oder anderen etwa Gedanken an verbotene Sprayer-Aktionen? Sejad Salihovic von der TSG 1899 Hoffenheim, ein gefürchteter Freistoßschütze, denkt nicht an bunte Graffitis. Er sagt: „Durch das Spray ist die Lage des Balles genauer fixiert und natürlich der Abstand der generischen Mauer zum Schützen. Das ist ein Vorteil für uns Schützen.“

Ich weiß, der Vergleich hinkt, aber die kunstvollen Freistöße von Salihovic erinnern mich oft an einen gewaltigen Top-Spin der weltbesten Tischtennisspieler. Salihovic, der in den Jugendmannschaften von Hertha spielte, gehörte laut Fanradio-Chef Manfred Sangel bei den Hertha-Amateuren einst „zu den lauffaulsten Spielern, schoss aber schon damals unglaubliche Freistöße und Ecken.“

Auch Hakan Calhanoglu, Kunstschütze von Bayer Leverkusen, freute sich über das Spray. „Das bringt dem Schützen eine große Hilfe, weil sich die Mauer nicht mehr auf den Schützen zu bewegen kann und den Abstand einhalten muss. Vorher kam die Mauer nach dem Pfiff des Schiedsrichters schnell zwei, drei Meter auf den Schützen zu.“ Und Wolfsburg Gewaltschütze Naldo weiß: „Der Ball hat nun mehr Zeit, um die nötige Höhe zu erreichen. Durch das Spray hält die Mauer den Abstand ein.“

Die Statistik gibt den Scharfschützen recht: Vor dem 8. Spieltag dieser Saison fielen nach 29 direkten Freistößen 6 Tore. Zwischen dem 8. und dem 27. Spieltag aber waren es sogar 26 Treffer! Seit Einführung des Freistoßsprays glauben die Schützen offenbar auch an eine höhere Erfolgsquote. Wenn Herthas Marvin Plattenhardt so weiter macht und ständig Zusatzschichten einlegt, kann er vielleicht einmal in einem Atemzug mit solchen Spezialisten wie Calhanoglu, Salihovic oder Zlatko Januzovic von Werder Bremen genannt werden. Zusätzlich kann Pal Dardai ja noch Lesestoff besorgen und das Buch einer Sportagentur mit dem schönen Titel „ Die 33 besten Freistoßtricks“ erwerben. Das 88 Seiten starke Büchlein gibt es für 24.95 Euro bei Amazon.
P.S.: Mir fiel noch ein Kunstschütze ein, der allerdings zu Zweitligazeiten für Hertha außergewöhnliche Tore per Freistoß erzielte: Mario Basler. 1992 gelang ihm ein Freistoßtor im Spiel bei Bayer Uerdingen aus 40 Metern Entfernung. Ein Schuss wie ein Strich! Der Treffer wurde in der ARD zum „Tor des Monats März“ gekürt. Und all das ohne das Freistoßspray!

Darauf ein standardmäßiges Ha-Ho-He!