Neun schwere Spiele stehen aus, ehe die Bundesliga-Saison Mitte Mai zu Ende geht. Hertha BSC steht noch immer am Rande der Abstiegszone und wird wahrscheinlich bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt kämpfen müssen. Dennoch überwiegen die positiven Momente, seitdem Pal Dardai Anfang Februar die total verunsicherte Mannschaft in einer sportlichen Notlage übernahm. Dardai hat Spaß ins Training zurückgebracht. Danach wurde vor allem intensiv an der Stabilisierung der Defensive gearbeitet. Und im nächsten Schritt ging es um Impulse für die oft lasche Offensive.

Es ist interessant und spannend, den jungen Trainer Dardai bei seiner Mission Klassenerhalt zu beobachten. Ich habe ihn seit 1997 in seiner Karriere als Profi begleitet, dabei als unbändigen Kämpfer auf dem Platz erlebt und außerhalb des Rasens als tollen Menschen kennen-und schätzen gelernt. Viel länger ist ein Landsmann von Dardai an dessen Seite: Kultkeeper Gabor Kiraly.

Sein Anruf aus London kam am späten Abend. Der Torhüter spielt beim FC Fulham in der Championship-Liga (Zweite Liga) und hatte lange trainiert. Am heutigen Mittwoch tritt er mit seinem traditionsreichen Verein zu Hause im Stadion Craven Cottage gegen Leeds United an. Am 1. April wird auch Kiraly 39 Jahre alt. Als ich ihn nach Pal Dardais Trainerfähigkeiten frage, antwortet er wie aus der Pistole geschossen und in bestem Deutsch. „Wenn er als Trainer weiter so auftritt, wie er als Spieler war – immer mit dem Herzen dabei – dann wird er ein Erfolgstrainer werden. Er ist auf einem guten Weg dahin!“ Kiraly machte einst die graue, lange Schlabberhose im Tor salonfähig und zu einem kultigen Outfit. Er war aus meiner Sicht in den letzten zwanzig Jahren bei Hertha der Torhüter mit dem größten Potenzial.

Kiraly kann sich ein fundiertes Urteil über Dardai erlauben. Schon als 12-jährige Steppkes spielten beide in Ungarn mit ihren Mannschaften gegeneinander. Kiraly, der mit sechs Jahren ins Tor rückte, mit Haladas Szombathely und Dardai als Mittelfeldmann mit dem MSC Pecs. Später, sagt Kiraly, „standen wir gemeinsam für Ungarn in sämtlichen Auswahlmannschaften von der U13 an bis zur U21. Und noch später in der A-Nationalelf.“ Doch die Gemeinsamkeiten haben einen noch längeren Hintergrund. Auch für mich, der die beiden Ungarn seit zwei Jahrzehnten kennt, war das neu: „Unsere beiden Väter haben in der ungarischen Oberliga lange und oft gegeneinander gespielt“, erzählte mir Kiraly. Sein Vater Ferenc stürmte für Szombathely beinahe 18 Jahre lang und Dardais Vater Pal Senior wirbelte erfolgreich im Mittelfeld von Pecs. Vereinstreu waren beide. Eine schöne Geschichte.

Als Profi bei Hertha BSC, wo beide sieben Jahre gemeinsam spielten, hatte der Keeper auf dem Rasen Dardai stets unmittelbar vor sich. „Als defensiver Mittelfeldmann hatte Pal nicht solch einen lukrativen Job wie ein Stürmer, der nach Toren immer im Mittelpunkt steht. Aber er war ungemein wichtig für die Mannschaft. Er war sehr fleißig, sehr bissig, sehr kampfstark und man konnte ihn auf mehreren Positionen einsetzen. Er räumte kompromisslos vor unserer Abwehr ab, erleichterte mir oft die Arbeit und besaß zudem einem straffen Schuss. Das, was er auf dem Platz viele Jahre auf hohem Niveau vorlebte, verlangt er jetzt auch als Trainer von seinen Spielern.“

Kiraly war nicht sonderlich überrascht, als sein ehemaliger Mitspieler 2014 plötzlich Nationaltrainer von Ungarn wurde, obwohl er in Berlin bis dahin nur Erfahrungen als junger Coach der U15 von Hertha sammeln konnte. „Ich kannte Pals Ambitionen, einmal Cheftrainer zu werden, vielleicht sogar in Ungarn. Mich hat der ungarische Verband auch nach meiner Meinung gefragt, bevor Pal Nationaltrainer wurde.“ Bislang war Dardai in diesem speziellen Job erfolgreich, konnte in der Qualifikation für die Europameisterschaft 2016 zwei Siege und ein Remis erreichen. Die Chancen der Ungarn, die EM-Endrunde in Frankreich zu erreichen, sind noch intakt

. Zweimal, gegen Rumänien und Finnland, holte Dardai dabei auch Gabor Kiraly ins Tor. Am Dienstag nominierte er ihn für das EM-Qualifikationsspiel gegen Griechenland am 29. März. Kiraly steht nun bei stolzen 92 Länderspielen. Ob er noch die magische 100 erreichen wolle? „Ja, schon, aber das wird sicher schwer. Ich bin in meiner 22. Profi-Saison und habe über 760 Profispiele bestritten. Da schmerzt schon mal dies und das.“ Kiraly, dessen Vertrag beim FC Fulham im Sommer ausläuft (der Verein besitzt eine Option für ein weiteres Jahr) sagt: „Man sieht bei Hertha, dass Pal in kurzer Zeit schon einiges erreicht hat. Das wird ihm bestimmt auch mit Ungarn gelingen. Wir Nationalspieler arbeiten gern mit ihm.“ Herthas junger Chefcoach wird sich über diese Worte freuen. Darauf ein ungarnfreundliches Ha-Ho-He!